Ausgrenzung und Überfluss von Frauen in der Literatur
Frauen finden in der gesamten Geschichtsschreibung fast keine Rolle. In geschichtlichen Überlieferungen finden sich kaum Erwähnungen über das, was sie geleistet haben. Der Grund hierfür ist, dass sie gesellschaft-lich Männern untergeordnet, mithin aus geschichtsprägenden politischen und kulturellen Institutionen und Positionen ausgeschlossen waren. Häuslichen Verpflichtungen und der Erziehung der Kinder wurde historisch keine Bedeutung zugemessen.
Neben ihre Geschichtslosigkeit tritt die Tatsache, dass Frauen gleichermaßen aus der Literaturgeschichte ausgeschlossen waren.
Im 18. Jahrhundert drängten zwar einige schreibende Frauen in die literarischen Institutionen. Sie versuchten aber nicht, das gesellschaftli-che Schicksal der Frauen zu hinterfragen und somit emanzipatorisch zu agieren, sondern ahmten häufig männliche Muster, d.h. Frauenbilder, Genre- und Schreibmuster nach.
Die Frauenbilder in der Literatur wurden also großteils von Männern geschaffen. Sie zeigen die Frau häufig entweder als Objekt unterschiedli-cher Gefühle (Liebe, Bewunderung, sexuelles Verlangen) oder als Handelnde, deren Auseinandersetzungen bestimmte gesellschaftliche und literarische Zwecke erfüllen (Engel oder Heilige; sich aufopfernde Heldin, Mutter, Geliebte; Verführerin). Sofern sie die ihnen gesetzten Grenzen überschreiten, werden sie als Hexen, Verführerinnen, Ehebre-cherinnen und Außenseiterinnen dargestellt. Sie eignen sich insbesondere zur Darstellung des Verlusts von Freiheit. So erscheinen sie zum einen als Opfer ihrer Geschlechtlichkeit und zum anderen als Objekt sexueller männlicher Begierden.
Zu diesem Missverhältnis zwischen der Darstellung des historisch-gesellschaftlichen Frauenlebens und dem in der Literatur hat sich schon Virginia Woolf geäußert:
"Ein höchst seltsames, gemischtes Wesen entsteht vor unserem Au-ge. Im Reich der Phantasie ist sie von höchster Bedeutung; prak-tisch ist sie völlig unbedeutend. Sie durchdringt die Dichtung von Buchdeckel zu Buchdeckel; sie ist alles andere als historisch abwe-send. Sie beherrscht das Leben der Könige und Eroberer in der Fik-tion; in der Wirklichkeit war sie der Sklave eines jeden beliebigen Jungen, dessen Eltern ihr einen Ehering auf den Finger zwangen. Einige der inspiriertesten Worte, einige der tiefgründigsten Gedan-ken der Literatur kommen ihr über die Lippen; im wirklichen Le-ben konnte sie kaum lesen, kaum buchstabieren und war Eigentum ihres Ehemannes" (1)
Woolfs Aussage macht deutlich, dass es sich nur um fiktionale Frauenfiguren handelt, die keine Entsprechung in der damaligen Wirklichkeit hatten.
Im Übrigen wird die geringe Beteiligung weiblicher Schreiber an der Ausprägung dieser Frauenbilder in der Literatur bemängelt.
"Einem großen und breiten Panoptikum imaginierter Frauenfiguren stehen nur wenige imaginierende Frauen gegenüber. Und während das variantenreiche Schreiben der einen, der Männer, als das gilt, was in seiner Summe Literaturgeschichte heißt, firmiert das andere, das der Frauen, lediglich als Sonderfall." (2)
Selbst in der deutschen Nachkriegszeit waren es weniger Frauen als Männer, die sich literarisch profilieren konnten. An Frauenbildern in der Literatur mangelte es indes auch zu dieser Zeit nicht. So auch in den Werken Bölls, der in seinem wohl bekanntesten Roman „Gruppenbild mit Dame“ eine Frau sogar zur Hauptfigur des Werks machte.
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(1) Woolf, Virginia: Ein Zimmer für sich allein, S. 41
(2) Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit, S. 12
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