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Die Frau – Das natürliche Geschlecht?
Wie bereits verdeutlicht wurde, war die Frau als Figur in der Literatur ein großes Thema. Gleichwohl wird deutlich, sofern man näher auf die vorhandenen Frauenbilder eingeht, dass die Frau zumeist als Gegensatz des Mannes und als ihm untergeordnet dargestellt wird. Diese Unterord-nung der Frau wird von Autoren dadurch legitimiert, dass sie die Frau auf Grund ihres biologischen Geschlechts ihrer Natur gemäß beschreiben:
"[...] Sie wurde zur Verkörperung der biologischen Funktion, zum Bild der Natur, in deren Unterdrückung der Ruhmestitel dieser Zi-vilisation bestand. Grenzenlos Natur zu beherrschen [...] war der Wunschtraum der Jahrtausende. Darauf war die Idee des Menschen in der Männergesellschaft abgestimmt. [...] Die Frau war kleiner und schwächer, zwischen ihr und dem Mann bestand ein Unter-schied, den sie nicht überwinden konnte, ein von Natur gesetzter Unterschied, das Beschämendste, Erniedrigendste, was in der Männergesellschaft möglich ist. Wo Beherrschung der Natur das wahre Ziel ist, bleibt biologische Unterlegenheit das Stigma (Zei-chen) schlechthin, die von Natur geprägte Schwäche zur Gewalttat herausforderndes Mal." (1)
Noch bis ins 18. Jahrhundert folgte die überwiegend in der Literatur vertretende Meinung Aristoteles, der schrieb:
"Das Weib ist Weib durch das Fehlen gewisser Eigenschaften. Wir müssen das Geschlecht der Frau als etwas betrachten, was an einer natürlichen Unvollkommenheit leidet."
In der feministischen Literaturwissenschaft und der feministischen Theorie wurde vielfach versucht, solche tradierten “Natur der Frau“ – Argumentationen als falsch und unbegründet zu widerlegen.
Im Zuge dessen wurde die Frage nach dem Unterschied der Geschlechter gestellt, wozu die Geschlechter in biologisches Geschlecht und soziales Geschlecht, also „sex“ und „gender“ unterteilt wurden.
Simone de Beauvoir verfuhr schon sehr früh in ihrem Buch „Das zweite Geschlecht“ so. Verantwortlich für die Abhängigkeit der Frauen von den Männern ist laut de Beauvoir das biologische Geschlecht der Frau. Durch ihre Fähigkeit Kinder bekommen zu können, sei sie mit Schwäche, Unausgeglichenheit und größerer Anfälligkeit gestraft. De Beauvoir nimmt also an, dass es einen unaufhebbaren biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt. Daraus wiederum resultiert, dass der soziale Geschlechterunterschied aus einer Unterdrückung der „biologi-schen Frau“ durch den „biologischen Mann“ basiere.
Der biologische Unterschied zwischen den Geschlechtern habe sich jedoch je nach Kulturkreis, anders entwickelt. Dies bedeutet also, dass das „soziale Geschlecht“ nicht bestimmend, sondern vielmehr kulturab-hängig sei. Mit anderen Worten: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern man wird es.“
So wie bei de Beauvoir herrschte noch lange Zeit in der feministischen Debatte über die Geschlechterdifferenz die Meinung, dass das soziale Geschlecht zwar nicht unabhängig vom biologischen Geschlecht gesehen werden könne, die Ausgestaltung der Differenz aber kulturell verschie-den sein konnte. Trotzdem ging man also zu dieser Zeit davon aus, dass es von Natur aus eine Zweigeschlechtlichkeit, auch als gesellschaftliche Einteilung, gibt.
Etwas weiter gehender war die Annahme, dass die sexuelle Differenz zwar existiere, es aber fraglich sei, ob sie auch auf die gesellschaftliche Geschlechterdifferenz Einfluss habe. In diesem Zusammenhang wurde bezweifelt, ob die Einteilung der Menschen in lediglich zwei entgegen-gesetzte Geschlechterschemata, die überdies der abendländischen Kultur verhaftet und dabei hierarchisch strukturiert seien, tatsächlich aus einer biologischen Differenz der Geschlechter abgeleitet werden könne.
Mit der Strömung des Poststrukturalismus Ende der 60er bis in die 70er Jahre hinein wurde zum einen die Struktur der klar abgegrenzten Zweigeschlechtlichkeit und zum anderen die Annahme, den Begriff „gender“ als ausschließlich sozial bestimmt zu betrachten, in Frage gestellt.
Mit dem Dekonstruktivismus, eine in der Literatur seit den 70er/80er Jahren auftretende Strömung, wurde für den Leser eine andere Rezeption möglich. Ihr Begründer war der französische Philosoph und Hauptvertre-ter des Poststrukturalismus, Jaques Derrida.
Die Dekonstruktion lehnt jegliche Deutung einer Einheit, Ganzheit, Geschlossenheit und Bedeutung eines Werkes ab und betont stattdessen die Offenheit des Textes. Herkömmliche Texttechniken werden aufge-gliedert und in neue Bezüge zueinander gestellt. Sprache und Zeichen sind hiernach differentiell zu verstehen. Dies bedeutet, dass der sprachli-che Ausdruck, das Wort, somit auch der Text selbst nicht eindeutig sind. Erst durch die bewusste Rezeption eines jeden Einzelnen erhalte der Text stets einen neuen Sinn. Demzufolge besitzt auch das Wort „Frau“ keine eigenständige Bedeutung, bevor es nicht durch den jeweiligen Leser eine solche zugeschrieben bekommt.
Der dekonstruktive Feminismus, wie er sich selbst bezeichnet, führte die Dekonstruktion im Sinne der Geschlechterproblematik fort. Seine Vertreterinnen sind der Ansicht, dass Geschlechter erst durch das Lesen über Geschlechter erzeugt werden.
So hat beispielsweise Barbara Vinken als eine Vertreterin des de-konstruktiven Feminismus bei ihrem Versuch, Freuds Vortrag zur „Weiblichkeit“ zu dekonstruieren, neue Ansätze zur Freudschen Darstel-lung des Weiblichen herausgearbeitet. Barbara Vinken versteht Freuds Argumentationen anders. Seine Erklärung, dass die Frau dem Mann gegenüber mangelhaft bzw. kastriert sei, dient nach Vinken nur dazu, die männliche Vorherrschaft zu bewahren. Ein derartig konstruierter Unterschied zwischen den Geschlechtern sei nur dazu da, um eine Diskussion über die tatsächlichen Abweichungen zwischen den Ge-schlechterrollen zu vermeiden mit dem Ziel, die so geschaffene männli-che Rolle zu manifestieren.
Ihre amerikanische Kollegin, die Professorin Judith Butler, geht in ihrer Studie „Das Unbehagen der Geschlechter“ noch weiter. Während sie durch Dekonstruktion aufgezeigt hat, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem biologischen Geschlecht und dem sozialen Geschlecht gibt, behauptet sie desweiteren, dass neben dem sozialen Geschlecht auch das biologische Geschlecht kulturell sei, also nicht naturgegeben. Geschlechtlichkeit ist für Butler also weder anatomisch noch biologisch vorgegeben.
Sie übt in ihrer Studie auch Kritik am Feminismus, der ihrer Meinung nach ein universales Subjekt „Frau“ entwickeln möchte. Er lege der „Frau“ eine allgemeine und umfassende Identität auf. Eine solche gebe es jedoch nicht, da Frau sein nicht das Gleiche sei wie die Zugehörigkeit zu einer Klasse oder Ethnie. Im Gegenteil sind Butler zufolge Frauen nicht durchweg von so genannten weiblichen Eigenschaften geprägt, sondern können vielmehr sogar so genannte männliche Eigenschaften haben. Zudem wendet sie sich gegen die verbreitete feministische Annahme, dass die Unterdrückung der Frau eine einzige Form besitze, nämlich die des universalen Patriarchats.
Für Judith Butler ist es nur die Sprache, die einen glauben macht, man sei Teil eines bestimmten Geschlechts. Jenseits der sprachlichen Ebene gebe es jedoch keine Geschlechter. Gleichwohl könne man es nicht vermeiden, der männlich diskursiven Ordnung verhaftet zu bleiben.
Daher plädiert sie für die Loslösung von der stereotypen Bestimmung der Geschlechter innerhalb der Literatur männlicher Autoren. Dafür müsse jedoch genau hinterfragt werden, wie diese Stereotypen entstehen.
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(1) Horkheimer, Max und Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947, S. 298
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