Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
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Trinität des Weiblichen


In seinen Frankfurter Vorlesungen rekurrierte Böll zur Beschreibung einer Ästhetik der Liebe auf drei biblische Frauenfiguren.

[...] – eine weitere Spannung theologisch gut zu bestimmen durch drei Namen: Eva, Maria und Magdalena, die sich nie rein, nie getrennt zeigen in der weiblichen Natur. Ich sehe keine bessere ästhe-tische Voraussetzung für die Beschreibung, den Ausdruck, den Liebe finden kann, als die religiöse. (1)

Demnach birgt jede Frau Eigenschaften von Maria, Eva und Magdalena in sich. Jedoch sind diese drei Frauengestalten als Ausdruck der „Trinität des Weiblichen“ biblische Mythen, die „das Weibliche“ anschaulich machen. Dabei ist die Gegensätzlichkeit der drei Figuren interessant. Während Maria die unbefleckte Empfängnis nachgesagt wird, wird Magdalena in Bibelauszügen als die Sünderin dargestellt, die Jesus verführt haben soll. Andererseits wird sie aber auch als barmherzig beschrieben. Eva letztlich gilt als Gegenfigur sowohl zu Maria als auch zu Magdalena. Sie ist im Gegensatz zur himmlischen Mutter die Erdenmutter.

In der feministischen Literaturwissenschaft wird dieses Weiblichkeitsbild Bölls als problematisch betrachtet, da es ihrer Meinung nach auf Wunschbildern basiere, bzw. das Weibliche nur auf diese drei biblischen Gestalten beschränkt werde.
Böll dagegen versucht mit der „weiblichen Trinität“ jene Vielseitig-keit und Spannbreite der Weiblichkeit auszudrücken, von der Grandell Silén annimmt, dass Bölls Frauengestalten diese aufweisen.

Gerade dieses in sich widersprüchliche Spektrum von Verführerin und Verführter (Magdalena, Eva), von Jungfrau und Ehefrau (Maria), Ehebrecherin, Sünderin sowie der Urmutter (Eva) deckt Böll mit seiner Konzeption einer „weiblichen Trinität“ ab.(2)

Die „Trinität des Weiblichen“ wird von Heinrich Böll insbesondere in seinem Roman „Gruppenbild mit Dame“ verwirklicht. So finden sich die Eigenschaften der drei Mythen in der Hauptfigur Leni Gruyten wieder.
Die Affinität Lenis zur Jungfrau Maria kommt zum einen in ihrer Verehrung für diese zum Ausdruck: „Das verdanke ich Rahel und der Muttergottes, die haben beide nicht vergessen, wie gern ich sie habe“ . Jedoch bleibt es nicht nur bei der Verehrung, sondern es kommt darüber hinaus zur Identifikation mit dieser. So empfängt Leni die Madonna jeden Tag als Bild auf ihrem Fernsehschirm. Dieses Rätsel, löst sich insofern auf, als sich später herausstellt, dass Leni sich mit ihrem eigenem Spiegelbild unterhalten hat.
Maria ist einerseits Sinnbild des Mütterlichen und Leni ist die einzige Mutter im Roman. Andererseits steht Maria auch für die verkörperte Unschuld, die auch die Figur der Leni verkörpert. Sie kann Böll zufolge nicht ohne den Begriff der „Unschuld“ verstanden werden. (GmD 126)
Im übrigen weist Leni Wesenszüge der Magdalena auf. Im Text heißt es diesbezüglich ausdrücklich: „Sie hätte als Heilige (Magdalena) in einem Mysterienspiel [...] auftreten können“. Desweiteren steht Magdalena für die verkörperte Sünde. Und auch Leni wird von der Allgemeinheit für „sündig“ gehalten und deshalb von der Gesellschaft geächtet. Hierdurch erhält die Leni Figur jedoch keineswegs eine negative Grundstruktur, sondern wird im Gegenteil als Opfer ihrer Umwelt gezeigt.
Letztlich sind noch Wesenszüge der Eva in Leni angelegt. Trotz ihrer Passivität und großer Gefahr verführt sie den russischen Soldaten Boris und lebt mit ihm im „Sowjetparadies“. Bei der Beschreibung dieses Vorgangs ist ausdrücklich von „Paradiesismus“ die Rede.
Wegen ihrer Schönheit wird Leni zur Verführerin: „Natürlich waren alle Männer hinter ihr her.“ Obwohl sie diese verführerischen Anlagen nicht instrumentalisiert, bleiben ihr „Zudringlichkeiten“ häufig nicht erspart. Somit wird Leni sogar als die verführerische Eva zum Opfer der Männer.
Leni wird von Böll somit als Mutter, Heilige und Verführerin dargestellt, die Sünde und Heiligkeit in sich vereint. Bölls Versuch, mittels biblischer Frauengestalten das Humane der Frau zu beschreiben, führt zwangsläufig zu einer Idealisierung der Frau. Leni bleibt somit eine Utopie Bölls.

Zum anderen wird die „Trinität des Weiblichen“ in „Gruppenbild mit Dame“ auch unabhängig von der Leni-Figur eingesetzt. Deutlich wird dies in der Zusammensetzung der Figuren Leni, Rahel und Margret. So wie Eva, Maria und Maria Magdalena in diesem System untrennbar sind, ist auch Leni ohne ihre charakterlichen Gegenfiguren undenkbar. Der „reinen“ Leni stehen als Freundinnen die Prostituierte Margret Schlömer sowie die jüdische Nonne Maria Rahel Ginzburg zur Seite. In allen drei Figuren steckt das jeweilig dazugehörende urchristliche Vorbild.
Während Leni als „Mutter, Heilige und Verführerin“ alle Vorbilder in sich vereint, ist Margret überwiegend die „Sündige“, in Gestalt der barmherzigen Magdalena.
Das Leben einer Prostituierten führte sie völlig uneigennützig, entweder aus „Barmherzigkeit“ gegenüber den Männern oder aus weiblicher Solidarität.

Margrets Verderben war nicht ihr eigenes Begehren nach Liebes-freuden, ihr Verderben war die Tatsache, dass von ihr so viel Freu-den begehrt wurden, die sie zu spenden von Natur begabt war.

Unter anderem durch den Kontrast zur Prostituierten Margret erlangt Leni ihre „Reinheit“.

Eine solche Person wie Leni, die ja eine gewisse Reinheit aus-strahlt, kann nur rein bleiben, weil andere unrein werden. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei diese Margret, die fast eine Hure ist und vielleicht sogar noch etwas Schlimmeres, und ohne die Leni gar nicht zu denken ist.(3)

Zum Ende stirbt Margret am „Erröten“, weil sie sich selbst als unmoralisch empfindet. Mit diesem Ende zeigt Böll, dass auch Margret ein reiner Mensch ist.
Rahel ihrerseits verkörpert durch ihre Unschuld zugleich die positive Maria-Figur, wie auch als Außenseiterin, die sündhafte Seite des biblischen Frauenmythos. Diese sündhafte Seite wird insbesondere durch ihre Vorliebe für „Fäkalien“ deutlich, wodurch sie gegen die Reinheits-gebote der Amtskirche verstößt.
Rahel ist für Leni Lehrerin, Vorbild und Freundin zugleich. Auch sie hat wie Margret im Bezug auf Leni eine ergänzende Funktion im Sinne der „Trinität des Weiblichen“, die Victor Lange folgendermaßen beschreibt:

Ein Wesen, durch dessen befremdende Eigensinnigkeit Lenis eige-ne mystisch-konkrete Sinnlichkeit reflektiert werden soll. Auch sie [...] ist eine ihrem Lebenslauf, ihrer Tätigkeit, ihrer leidenschaft-lich-ernst erfolgten „Fäkalischen Mystik“ nach exzentrische Figur, die „im Verborgenen“ lebt. (4)

Somit wird also in zweifacher Weise die Idee der „Trinität des Weiblichen“ in Bölls Roman hervorgehoben. Ob Böll durch die „Trinität des Weiblichen“ wirklich nur die Vielseitigkeit der Frauenfiguren zum Ausdruck gebracht hat, oder doch Wunschbilder geschaffen hat, muss im Einzelnen beleuchtet werden.
__________
(1) Böll, H.: Frankfurter Vorlesungen, S.101
(2) Deschner, Margarete: Böll`s Utopian Feminism, S. 119
(3) Böll, H.; Linder, Christian: Drei Tage im März, S.62
(4) Lange, Victor: Erzählen als moralisches Geschäft, in: Die subversive Madonna, S.114