Die Befreiung der Frau
Ich möchte meine Mutter oder die Frau befreit sehen. Es könnte sein, dass es Befreiungsversuche der Frau sind: bei Leni Pfeiffer, bei Katharina Blum und auch bei der alten Frau Fähmel im Billard um halb zehn und...Das ist aber alles nur mit Einschränkung zu verstehen. [...] Ich glaube einfach, dass Frauen ein weniger kom-plexes und weniger kompliziertes und weniger intellektuelles Ver-hältnis zu sich selber, zu ihrem Körper und zur Natur haben. Und das macht sie freier und befreiungsfähiger. [...] Aber ich möchte hinzufügen, dass ich auch eine Frau, die in der Küche ist, zu Hau-se, durchaus für befreiungsfähig halte. Das ist ja Unsinn, diese Al-ternative Küche oder Freiheit. Eine Mahlzeit für eine Familie erstellen ist doch eine wunderbare Sache und ein Befreiungsvorgang. (1)
Aus heutiger Sicht verwundern diese Zeilen von Böll. Fraglich erscheint wie die Befreiung der Frau und die ihr zugewiesene Rolle im Haushalt miteinander einhergehen können. Heute wird dies strikt voneinander getrennt und als unvereinbar angesehen.
Betrachtet man Bölls Aussage im zeitlichen Kontext, muss man zwar eingestehen, dass es in den 40er und 50er Jahren unüblich war, dass die Männer den Haushalt machten und Frauen arbeiten gingen. Andererseits beschränkte sich die Arbeit der Frauen nicht mehr nur auf die häuslichen Tätigkeiten. Sowohl im Krieg aber insbesondere in der Nachkriegszeit wurden die Frauen immer selbstständiger und selbstbewusster. Sie übernahmen die Arbeiten der Männer, weil diese zum Teil noch Jahre in Kriegsgefangenschaft verblieben. Und auch nach deren Rückkehr entschieden sich viele Frauen für ihre Unabhängigkeit.
Bölls Äußerungen ist zu entnehmen, dass er die Wahrnehmung häuslicher Pflichten nicht als niedere Arbeiten betrachtet. Vielmehr ist diese für ihn von enormer Wichtigkeit. Verdeutlicht wird dies unter anderem auch dadurch, dass er von der „Befreiung“ der Frau und nicht von der Emanzipation spricht. Denn die Frage nach der Emanzipation stellt sich für Böll gar nicht.
Sie (d.i. Emanzipation) ist für mich selbstverständlich. Es ist für mich selbstverständlich, dass Frauen mindestens so wichtig sind wie Männer. Jetzt gar nicht nur erotisch, sexuell, und nicht nur als Hausfrauen und Mütterchen, sondern als Existenz, als existentielles Eins. (2)
Im übrigen möchte Böll die Frau insbesondere von kirchlichen Zwängen sowie Tabus und Vorurteilen befreit sehen.
Böll zufolge, hat die Kirche einen zu großen Einfluss auf das Rollenver-ständnis der Frau. Sie stelle der Frau Verbote und Gebote auf und hemme sie so in ihrer Entwicklung. Dies verdeutlicht er am Beispiel seiner Mutter.
Welch eine intelligente Frau, sensible und leidenschaftliche Frau meine Mutter war, was sozusagen aus ihr hätte werden können, wenn sie nicht dieser sklavischen religiösen Erziehung [...] ausgeliefert gewesen wäre. Was sich in ihr hätte artikulieren können, egal ob politisch oder literarisch.
Desweiteren kritisiert Böll die Ehe, die „Verrechtlichung einer Bezie-hung“ durch Staat und Kirche, da sie die Frau einenge und vom Mann abhängig mache. Die Abschaffung dieses Instituts würde sich auch positiv auf Partnerschaften auswirken.
Ich könnte mir denken, dass ein unverheiratetes Zusammenleben die Menschen mehr bindet als eine Ehe, weil diese Pflicht und die rechtliche Institutionalisierung eines Vorgangs wie Beischlaf zu absurd ist, um wirklich zu tragen.
Auch die feministische Autorinnen, die sich zum Thema „Befreiung der Frau“ äußern, nehmen Bezug auf den Aspekt der Ehe. De Beauvoir hält die Ehe ebenfalls für eine der Hauptursachen, was die Unterordnung der Frau betrifft. Anders als Böll sieht de Beauvoir jedoch diese Unterordnung in den häuslichen und familiären der Frau begründet.
Dementsprechend lässt sich festhalten, dass sowohl Böll als auch de Beauvoir die Ansicht teilen, dass eine lose Beziehung ohne verbindliche Eheschließung für die Befreiung der Frau förderlich sei.
Böll geht außerdem auf Vorurteile ein, die gemeinhin über Frauen bestehen. So zum Beispiel das Vorurteil, dass Frauen hysterisch seien. Zudem verleiht er seiner Verärgerung darüber Ausdruck das die Frauen nach den gesellschaftlichen Vorstellungen gewisse Verhaltensweisen nicht an den Tag legen durften. Beispielhaft sei hier, dass Frauen nicht rebellisch sein dürfen.
Böll versucht in seinen Werken die Frauenfiguren von solchen Vorurteilen befreit darzustellen.
Da gab’s natürlich Tabus, die ich, glaube ich, relativ in meinem al-lerersten Roman schon früh durchbrochen habe, aber noch nicht so bewusst und so frei [...] Insofern ist vielleicht die Befreiung von Erziehung, von Tabus, von Vorurteilen, die jeder auf eine andere Weise hat, fortgeschritten bei mir. (3)
Böll bezog auch einen Standpunkt hinsichtlich der Frage, inwieweit eine gewisse Freizügigkeit von Frauen in Liebes- und Eheangelegenheiten als moralisch verwerflich anzusehen sei. Sobald eine Frau liebe, ohne verheiratet zu sein, werde sie als verkommen bezeichnet. Noch schlimmer sei es, wenn die Frau einen Mann liebe, der ihr nicht gleichgestellt sei oder – wie im Zweiten Weltkrieg - einen Feind. „Die Vorstellung der Umwelt von der Verwerflichkeit des Lebenswandels einer Frau, das wollte ich auch ironisieren“ , sagt Böll hierzu.
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(1) Wintzen, René: Eine deutsche Erinnerung, S. 49f
(2) Wintzen, René: Eine deutsche Erinnerung, S. 50
(3) Schreiben und Lesen. Gespräch mit Karin Struck am 23.10.1973, S.263
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