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Cornelia Gluck
Zunächst muss darauf hingewiesen werden, dass die Figur der Cornelia hauptsächlich in Verbindung mit der Figur des Christoph betrachtet werden kann. Begründet ist dies darin, dass Cornelia fast ausschließlich in der Liebesbeziehung zu Christoph eine Rolle spielt, d.h. sie tritt nur selten alleine oder mit anderen Personen auf. Nur beiläufig wird die Beziehung zu ihrer Mutter thematisiert.
Cornelia Gluck, schon ihr Nachname erinnert an das positiv konnotierte Wort „Glück“, kommt aus einer sehr wohlhabenden Familie. Sie ist schon früh von zu Hause weggegangen, da ihre Mutter mit ihrem Berufswunsch, der Schauspielerei, nicht einverstanden war.
Cornelias Verhalten zeigt, dass sie sich mit dieser reichen Gesellschaft nicht identifizieren kann. Sie widersetzt sich den Erwartungen, die man an eine Tochter aus gutem Hause stellt, und verzichtet auf das Geld ihrer Mutter, um ihren Traum zu verwirklichen. Sie ist somit weder berech-nend noch geldgierig. Das wird auch von ihrer Mutter bestätigt, als sie das erste Mal zu Frau Bachem fährt, um die zukünftigen Schwiegereltern ihrer Tochter kennen zu lernen. Sie ist keinesfalls überrascht, dass ihr zukünftiger Schwiegersohn nicht aus reichem Hause kommt, denn „sie hatte nie erwartet, dass Cornelia nüchtern genug sein würde, einen reichen Mann zu heiraten, [...]“ .
Cornelia und Christoph lernen sich kennen, als Christoph bei einem Ausgang an ihrer Tür klingelt in der Hoffnung, menschlichen Kontakt zu finden. Durch den Drill in der Kaserne ist er sowohl seelisch als auch körperlich am Ende. Cornelia nimmt ihn herzlich auf, obwohl er für sie ein Fremder ist.
Böll greift hier wohl auf eigene Erfahrungen zurück. Denn auch seine Mutter hat nie einen Bettler vor der Tür stehen lassen, auch wenn sie selber nicht viel hatte. Bei ihr wurde jedem, der Hilfe brauchte oder Hunger hatte, so gut wie möglich geholfen. Hier zeigt sich Cornelias Gutmütigkeit.
Christoph findet in Cornelia den Menschen, den er erhofft hat. Als er ihr zum ersten Mal in ihrer Wohnung gegenüber sitzt und sie ihn erstaunt wie ein Kind ansieht, „wusste er, dass er einen Menschen gefunden hat[]“. Der weitere Verlauf dieses ersten Besuchs bestätigt Christoph in seiner Meinung. So lädt Cornelia ihn zum Essen ein, wodurch er sich nach langer Zeit wieder „wirklich wie zu Hause fühlt[]“.
Das erste Mal, seitdem er von zu Hause weggegangen ist, erhält er also wieder eine richtige Mahlzeit und spürt ein Gefühl von Heimat.
Desweiteren wird Cornelia schon in dieser ersten Begegnung zu seiner Trostspenderin und Hoffnungsträgerin. Durch sie kann Christoph die Soldatenzeit für einen Moment vergessen und neue Kraft schöpfen. Insbesondere ihr Klavierspiel, worum Christoph sie bittet, lässt ihn für eine kurze Zeit in eine fast „übersinnliche“ Welt, eintauchen, wenn es ihm so vorkommt,
[...] als wische sie mit einer göttlichen Unbekümmertheit alle Wände weg zwischen Sinnen und Seele und Geist und Herz und vollende in ihm einen einzigen Raum, indem die Trauer wie Lust klang; und diese Trauer um das verlorene Paradies war so süß, dass sie fast in der Pforte des Paradieses einzudringen schien.
Für eine andere Person ist Cornelias Musik ebenfalls von großer Bedeutung. Auch Hans, Christophs Bruder, spendet sie in seiner schwersten Zeit hierdurch Trost. Dieser verkraftet seine Arbeit für das Nazi-Regime nicht und kann deshalb schon seit einigen Jahren keine Gefühle mehr zeigen. Erst durch Cornelias Klavierspiel erfährt er wieder, wie schön das Leben sein kann.
Alles, alles versank vor diesem stillen Spiel, das die Ewigkeit zu umschließen schien, das Spiel einer jungen Frau an ihrem Hoch-zeitsmorgen; [...]. Ahnte er zum ersten Male etwas von der para-diesischen Schönheit der Kunst und den Gewalten der Liebe....
Auch Hans fühlt sich wie Christoph dem Paradies nah, als er Cornelias Musik zuhört. Mit der Nähe zum Paradies, die Cornelia bewirkt, sowie ihrer unbeabsichtigten verführerischen Wirkung schreibt ihr Böll, gemäß seiner Trinität des Weiblichen“ Eigenschaften der biblischen „Eva-Figur“ zu. Dadurch wirkt Cornelias Figur als „Heilige“.
In ihrer Liebesbeziehung zu Christoph übernimmt sie auch im weiteren Verlauf des Romans die Rolle der „liebenden“ und „tröstenden“ Frau. Durch seine Beziehung zu Cornelia übersteht Christoph die folgenden zwei Monate in der Kaserne leichter, da es für ihn „draußen, außerhalb dieser Mauern, das Leben [ist]“. Ihre Anwesenheit, „erfüllt[] ihn mit Seligkeit“ .
Cornelia verkörpert die „Humanität“, wie sie sich Böll in seinen „Frank-furter Vorlesungen“ vorstellt.
Auch die Beschreibung Cornelias Äußeren vermittelt Wärme. Immer wieder werden ihr Lächeln und ihre lächelnden Augen beschrieben, die Christoph jedes Mal aufs Neue erfreuen. Ebenso beruhigen ihn ihre Zärtlichkeit, ihre zärtlichen Berührungen und Düfte.
Dies sind bei Böll stets wiederkehrende Merkmale seiner Frauenfiguren. Er hebt hierdurch ihre Fähigkeit, zu lieben, hervor.
Cornelia behält die Rolle der liebevollen und Trost spendenden Frau auch im weiteren Verlauf der Beziehung zu Christoph bei. Als sie durch den Krieg voneinander getrennt sind, schreibt sie ihm regelmäßig. In ihren Briefen findet Christoph erneut Trost in einer an sich trostlosen Zeit.
Ach, ihre Schrift allein war wie ein Gruß aus der süßen Fülle des Paradieses, diese großen, aus ihrer Liebe gegossenen Buchstaben, schwarz und schwer, schwankend oft von einer geheimnisvollen Lust auf dem weißen Papier!
Ein weiteres Mal, als er „seine düstere Verlorenheit in der muffigen Kantine mit Schnaps, Schnaps, Schnaps hinunterspülen wollte“, kam zu seiner Rettung ein Brief von Cornelia, und er „brach in ein dankbares Gemurmel aus“.
Letztlich wird sie sogar zu seiner Lebensretterin. So verstößt er nur deshalb nicht mehr gegen die Dienstordnung, weil er weiß, dass sie auf ihn wartet. Sonst würde er mit Sicherheit in
jenen Hürden des Grauens enden, von denen man nur munkeln hörte; von jenen Schädelstätten der Macht, von denen jeder wusste, ohne es sich einzugestehen; und dann war er tot.
Obwohl die meiste Zeit ihrer Beziehung von Christoph getrennt, heiratet sie ihn, damit sie nicht weiterhin in Sünde leben müssen. Dadurch wird sie von der Geliebten zur Ehefrau. Jedoch steht ihre Ehe von Beginn an unter keinem guten Vorzeichen. Denn an ihrem Hoch-zeitstag beginnt der Krieg.
Das bedeutet für die frisch Vermählten eine lange Trennung. Während Cornelia beim Abschied „weinte, weinte, als sei sie nur geboren, um zu weinen“, bedeutet er für Christoph,
[...] das Ende des Paradieses; denn trotz aller Schmerzen und der aufschwelenden Wirklichkeit war es doch das Paradies bei Corne-lia zu sein; er liebte sie...sie war das Glück...sie war die Trauer und das Leid, sie war die Schönheit, sie war sein Leben; versuchte er, es in Worte zu fassen, überkam ihn nur ein hilfloses Stammeln.
Böll stellt mit Cornelia somit eindeutig den Gegenpart zum Krieg dar.
Wie Cornelia den Krieg erlebt, wird nicht beschrieben. Erst als Christoph aufgrund einer Verwundung nach zwei Jahren das erste Mal nach Hause kommt, tritt Cornelia wieder ins Geschehen ein. Zunächst allerdings nur in Christophs Gedanken. So ist sein erster Gedanke, als er die deutsche Grenze erreicht: „jetzt werde ich Cornelia wiedersehen.“
Nun war es wieder, als trage die Hoffnung ihn hinein in die para-diesischen Gärten der Freude [...] Er war fast bewusstlos vor Glück, nun, das Gesicht der Geliebten lebendig und verheißungs-voll vor seinen Augen....
Sobald Christoph wieder da ist, führt sie wieder die Rolle der fürsorgli-chen und liebevollen Ehefrau aus. Sie sorgt sich ausschließlich um ihn, und das obwohl sie selbst im Krieg viel Leid ertragen musste. Sie erträgt es nicht, ihn leiden zu sehen.
Ich bin so glücklich gewesen, du, dass ich alles Leid, was ich ge-tragen habe, und alles, was ich noch tragen muss, ohne jede Si-cherheit dagegen zählen möchte, aber ich glaube, das eine könnte ich nicht ertragen, es würde ein zu hoher Preis dünken, dass du je-mals irre werden könntest an der Wahrheit und der Wirklichkeit des Kreuzes.
Sie stellt ihr eigenes Wohl hinter das ihres Mannes. Sie folgt ihm auch widerspruchslos, als er beschließt, mit ihr Richtung Westen zu fliehen, um zu seiner Mutter zu gelangen.
Auf der Flucht findet die Liebesbeziehung ein jähes Ende. Cornelias und Christophs Wege verlieren sich, durch ein unglückliches Ereignis. Es bleibt offen, was mit Cornelia geschieht.
Es schien Böll wichtiger zu sein, Christophs weiteren Weg zu beschrei-ben. Dieser fühlt sich anfangs noch verlassen, was er folgendermaßen auf den Punkt bringt: „in das Antlitz der Zukunft zu waten, durch Tränen und Blut, durch Schmutz und Elend,...allein...allein, [...]“. Doch die spätere Gegenwart seiner Mutter kann „die blutende Wunde um Cornelia mildern“. Als er nach dem Krieg seinen Freund Joseph wieder an seiner Seite hat, tröstet ihn sogar der bloße Gedanke an Cornelia.
[...]; und die Gewißheit, dass Cornelia lebt, für mich lebt, ver-schleppt, vielleicht misshandelt, aber lebt, scheint mir traumhaft; ein Traum.
Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Cornelia nur der unselbstständige Widerpart zu Christoph ist. So ist sie lediglich auf ihn, mithin auf seine Gefühle und Sehnsüchte ausgerichtet. Ihre persönlichen Erlebnisse im Krieg spielen keine Rolle. Der Krieg bleibt reine Männersache. Cornelia verkörpert die Menschlichkeit in dieser tristen Kriegszeit. Mittels dieser Eigenschaften hilft sie Christoph, den Krieg zu überstehen. Insgesamt entspricht sie dem Bild einer idealen Geliebten und Ehefrau.
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