Johanna Bachem
Johanna Bachem, als die andere wichtige Frauenfigur des Werkes, ist ihrerseits Mutter von drei erwachsenen Kindern: Hans, Christoph sowie deren Schwester Grete.
Sie wird als „seltsame“ Frau beschrieben, da sie sich die „Unmittelbarkeit des Herzens und des Geistes beibehalten hat“, obwohl sie selbst eine strenge Erziehung genossen hat.
Wesenszüge wie Überheblichkeit oder Arroganz treffen auf Frau Bachem in keiner Weise zu, da sie mit ihrem ausgeprägten „Wirklichkeitssinn“ unvereinbar sind.
Schon als junges Mädchen besaß Johanna
einen fast übernatürlichen Sinn für die Wirklichkeit [...]. Und sie hütete sich wohl, sich für besser zu halten als den Geringsten, der an ihre Tür klopfte.
Auch hier nimmt Böll auf die Menschlichkeit einer Frauenfigur Bezug.
Dementsprechend besitzt Christophs Mutter geradezu seherische Fähigkeiten. So warnt sie ihren Mann zum Beispiel vor der Machtübernahme Hitlers.
Es wird offenbar werden, glaube es mir, offenbar für alle, die Au-gen haben zu sehen und Ohren zu hören, dass wir ganz wirklich in einem Reich des Teufels leben; und nichts ist dem Teufel lieber, als wenn man nicht an ihn glaubt....
Dieser glaubt jedoch, dass seine Frau phantasiert.
Diese Fähigkeit Frau Bachems spielt auch in Bezug auf ihre Söhne Christoph und Hans eine große Rolle. Sie sieht das Schicksal der Beiden voraus. Hans gegenüber äußert sie ihre Vorahnung nicht. Denn sie sieht voraus, dass er den Krieg nicht überleben wird:
[...]; und mit der tödlichen Gewissheit, dass sie ihn nie wiedersehen würde, hatte sie ihren jüngsten Sohn in irgendeinem schmutzigen Abteil verschwinden sehen, sein gequältes Gesicht noch einmal an einem Fenster, noch einmal seine Hand, die in der dunklen Halle winkte...weg...weg war er, und nie, nie mehr würde sie ihn auf die-ser Erde wiedersehen...
Bei Christoph ist sie sich hingegen sicher, dass sie ihn wiedersehen wird.
Weißt du auch, dass ich ganz gewiß bin, dass du den Krieg überleben wirst; dass wir beide uns noch einmal sehen werden?
Als die Vorhersagen Johannas schließlich zutreffen, muss zunächst ihr Ehemann zugeben, dass ihre Prophezeiung richtig war. „Heute ist alle Frage und alle Antwort überflüssig geworden; ich weiß ja, dass du recht hattest, immer...immer, [...]“.
Und auch ihre Vorahnung hinsichtlich des Schicksals ihrer Söhne bewahrheitet sich: Hans wird erschossen, Christoph überlebt und kehrt kurz vor ihrem Tod zurück.
Natürlich stellen diese Prophezeiungen Frau Bachems Leidensfähigkeit auf eine harte Probe. So fühlt sie sich anschließend, als wäre ihr „Körper tot und ihr Geist von einem schmerzhaften Rausch der Kälte gebannt“. Sie schafft es allerdings, dank ihres Glaubens, diese Zeit durchzustehen, und lässt sich von niemandem von ihrem Weg abbringen. Letztlich fühlt sie sich, „als habe Gott sie einen Sieg erringen lassen“.
Es handelt sich dabei um einen Sieg der Hoffnung, der ihr zum einen nicht nur für sich selbst, sondern auch zur Unterstützung der Familie, wieder Kraft gibt.
Das Gesagte bewertend ist Christophs Mutter eine außergewöhnliche, jedoch auch eine traditionelle Frau. Sie ist eine liebevolle, mitfühlende Mutter und eine vorbildliche Haus- und Ehefrau. Böll unterstreicht immer wieder ihre Liebe für und ihr Pflichtbewusstsein gegenüber ihrer Familie. Gleichgültig,
ob irgendwo in der Welt Millionen hungerten und starben in irgendeinem Krieg: Sie mußte morgens den Ofen anzünden und das Frühstück besorgen.
Auch wenn sie oft nicht versteht, wie ihr ihre Tochter und Hans so fremd werden konnten, wendet sie sich nicht von ihnen ab. Insbesondere Hans, der für das Hitler-Regime arbeitet, lässt sie ihre Liebe spüren.
„Zweifle nie an meiner Liebe“, sagt sie zu ihm, denn „selbst aus den Klauen des Leibhaftigen würde ich dich zurückholen“.
Die Figur der Johanna Bachem erfüllt ihre Aufgaben als Mutter und Ehefrau bis zur völligen Erschöpfung:
[...]; lahm waren ihre Füße und matt die Hände. Neben der ständigen, unabsehbaren Last des Krieges war auch ihr Maß an täglicher Arbeit zu groß; mehrere Male am Tage mußte sie ihren kranken Mann in den Keller tragen helfen, mußte die tausend kleinen Gän-ge tun, die eine liebevolle Krankenpflege erfordert, mußte den Le-bensmitteln nachjagen und den alltäglichen zermürbenden Kreis-lauf des Haushalts erfüllen; sie mußte die Tränen ihrer Tochter zu trocknen versuchen, den Söhnen schreiben.
Es bleibt dabei nicht nur bei der Übernahme der körperlichen Strapazen. Auch seelisch lädt sie Last der anderen auf.
[...]; ihr Herz ist der Brunnen, der Lärm und Geschrei, Lust und Mord und alle Freveltat schlucken muß, auf dass nichts verloren gehe in der Chronik des Leidens, die sich knirschend und grausam in die Seele gräbt, [...]
Heinrich Böll hebt Johanna Bachem durch ihre oben beschriebene Fähigkeit und ihren ausgeprägten Wirklichkeitssinn von den anderen Frauenfiguren des Romans ab. Böll transportiert auf diese Art Kritik an der damaligen Gleichgültigkeit breiter Teile der deutschen Bevölkerung. Zu viele haben zu lange gleichgültig dem nationalsozialistischem Treiben zugeschaut.
Die Einsicht Johannas führt nicht dazu, dass sie zu einer selbstbewussten, politisch agierenden Frau wird, die versucht sich gegen das Regime aufzulehnen. Vielmehr ist es so, dass sie ihrer traditionellen Rolle als Mutter und Ehefrau, verhaftet bleibt.
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