Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
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Grete Bachem


Grete Bachem ist die 25jährige Schwester von Christoph und Hans. Sie ist eine junge, völlig unpolitische Frau. Demgemäss setzt sie sich mit dem Nationalsozialismus nicht auseinander. Sie ist zumeist heiter und verbreitet im Haus der Familie als Einzige eine fröhliche Stimmung. Dies kann ihre Mutter jedoch nicht ertragen:

[...]; und die fast vernagelte Fröhlichkeit ihrer Tochter, jene freud-lose Heiterkeit der flatternden Geschöpfe, die wie Schmetterlinge immer das Unwesentliche umkreisen und nicht Wurzeln schlagen können in der Freude und im Leid – das schien ihr fast noch schlimmer.

In ihrer politischen Uninteressiertheit und Ignoranz manifestiert sich neben Gretes Naivität auch eine gewisse Unschuld im Hinblick auf die politischen Ereignisse. Das verleiht ihr einerseits einen sympathischen Zug. Andererseits erzeugt dies Unverständnis über die harte Reaktion der Mutter. Diese empfindet Grete nämlich manchmal aufgrund ihrer Weltabgewandtheit nur als „Gast“.
Der Eindruck Gretes Naivität erfährt noch eine Steigerung, wenn Böll ihr Verhalten mit dem eines Kindes vergleicht, zum Beispiel als Christoph „das schreckliche Schreien seiner Schwester hört, die mit verzerrtem Gesicht wie ein erschrecktes Kind am Fuße des Bettes stand“.

Interessanterweise fehlt der Mutter indes die Fröhlichkeit der Tochter, als diese ihren Verlobten heiratet und ihr Elternhaus verlässt.

[...]; stumm und gedrückt verlief das Essen meistens, als sei der le-bendige Geist der Familie ausgesogen und ausgeflogen; nun erst merkte sie, wie das wirklich herzliche, oft bis zur Dummheit tö-richte Geplauder ihrer Tochter doch von einer so rührenden Rein-heit gewesen war, dass alle Genüsse der Welt es nicht hatten trüben können.

Mithin greift die Erkenntnis Platz, dass Grete „so kreatürlich unschuldig und geistlos, aber so liebenswürdig herzlich und rein“ war.

Böll beschränkt Grete auf eine sehr klischeehaften Frauenbildern entsprechende Figur: Sie ist die unschuldige und „reine“ Frau, die zugleich naiv und ungebildet ist.
Im Übrigen – und das entspricht dem Klischee - beschränken sich die Aussagen der anderen Familienmitglieder lediglich auf Gretes Äußeres. Dementsprechend ist Hans überrascht, als er seine Schwester einmal genauer betrachtet:

Sie war hübsch geworden; dunkle Augen zu ihrem goldenen Haar und der kleine, frische, rote Mund; merkwürdig, er hatte nie gedacht, dass seine Schwester hübsch sein könnte; auch ihre Stimme schien biegsamer geworden zu sein.

Dergestalt bemerkt Christoph seine Schwester zum ersten Mal, als er aus dem Krieg zurückkehrt und sie ihm die Tür öffnet.

[...] und er hätte nicht glauben können, dass diese hübsche, blonde Frau, die ängstlich und fragend in der Türöffnung stand, seine Schwester war. >>Grete<<, sagte er leise, und es schien ihm, als habe er sie nie gekannt; [...]

Ein hervorstechendes Charaktermerkmal Gretes ist ihre Hilfsbereitschaft. Nachdem sie ihren Ehemann und kurz darauf ihren Vater im Krieg verloren hat, kümmert sie sich fürsorglich um ihre Mutter, die später sogar zum Pflegefall wird. Dieser Altruismus Gretes wird ausschließlich mit der Wahrnehmung typisch weiblicher Tätigkeiten verknüpft.

Mit der weltfremden naiven und fröhlichen Figur der Grete hat Böll einerseits einen Kontrast zur Bodenständigkeit und der Traurigkeit ihrer Mutter geschaffen. Andererseits aber auch das klischeehafte Bild einer Frau, die sich aus politischen Angelegenheiten heraushält und ihr Schicksal widerstandslos hinnimmt und erträgt.