Der Zug war pünktlich/ Olina
Mit der Erzählung „Der Zug war pünktlich“ hatte Böll 1949 seine erste Buchveröffentlichung. Es wird die Geschichte des jungen Soldaten Andreas erzählt, der auf dem Weg an die Ostfront ist. Während der Fahrt wird seine Vorahnung, bald zwischen Lemberg und Czernowitz sterben zu müssen, immer mehr zur Gewissheit. Im Zug lernt er die Soldaten Willy und Siebental kennen, mit denen er die nächsten Tage verbringt. In Lemberg angekommen, nimmt Willy seine Begleiter mit in ein Bordell, indem Andreas der Prostituierten Olina begegnet.
Olina ist eine 23-jährige Polin, deren Eltern im Krieg umgekommen sind. Sie selbst wurde von deutschen Soldaten vergewaltigt und verschleppt. Seitdem arbeitet sie in dem Bordell. Von den anderen Prostituierten wird sie die „Opernsängerin genannt, da sie vor dem Krieg an einem Konservatorium Musik studierte.
Insgeheim gibt sie die Informationen, die sie auf diesem Weg von deutschen Soldaten und Generälen erlangt an den polnischen Widerstand weiter.
Andreas und Olina verlieben sich ineinander. Wieder einmal lässt Böll die zarte Pflanze der Liebe in einem niedrigen Umfeld entstehen. Diese Liebe steht im Kontrast zu den Schrecken des Krieges. Im Übrigen erweist sie sich als stärker als dieser.
Die Liebe der Beiden ist jedoch rein platonischer Natur. Insbesondere Andreas spürt unmittelbar, dass er Olina kein bisschen begehrt.
[...] Es ist merkwürdig, noch keine Frau, die ich je gesehen habe, habe ich so wenig begehrt wie diese, die schön ist und die ich so-fort haben könnte. Ach, manchmal ist es durch mich gezuckt, ohne dass ich es wusste und wollte, dass es wirklich schön ist, eine Frau zu besitzen. Aber noch keine habe ich so wenig begehrt wie diese. (Zug 90)
Daher nennt Andreas sie auch seine „Schwester“ (Zug 95). Gleichwohl ist die Liebe zu Olina so intensiv, dass er ohne sie nicht mehr leben kann. (Vgl. Zug 110)
Sie ihrerseits, die allen Grund hat, alle Deutschen zu hassen, erwidert diese Gefühle: „Er ist der erste und einzige, den ich liebe. Der erste. [...] Mir, mir, mir gehört er...er ist mein Bruder [...]“ (Zug 100).
Sie spendet Andreas Trost. Insbesondere ihr beinahe „übersinnliches“ Klavierspiel beglückt Andreas.
[...] Das ist Geist, das ist Klarheit, nicht mehr viel menschliche Verwirrung; ein unheimlich sauberes, klares Spiel von zwingender Gewalt. [...] Vielleicht spielt sie gar nicht...vielleicht spielen die Engel...die Engel der Klarheit...sie singen in immer feineren helle-ren Türmen...Licht, Licht, o Gott...dieses Licht... (Zug 115).
Olina hegt allerdings mehr als nur geschwisterliche Gefühle für Andreas. Dennoch gibt sie sich damit zufrieden, ihn nur platonisch zu lieben. Nichtsdestotrotz ist sie eifersüchtig als sie erfährt, dass Andreas ein anderes Mädchen begehrt.
Ach, warum bin ich nicht die andere, die er liebt. Warum kann ich nicht diese Seele und diesen Körper vertauschen. Nichts, nichts möchte ich behalten von mir, ich würde mich selbst ganz hingeben, wenn ich nur die...nur die Augen der anderen hätte. (Zug 107)
Ihre Liebe zu Andreas schwächt sie. Den Hass auf die Deutschen und die Zusammenarbeit mit dem polnischen Widerstand, die sie am Leben hielten, gibt sie auf: „Auch ich hab mein Vaterland verraten, weil ich diese Nacht über bei dir blieb, statt den General auszuhorchen“ (Zug 123).
Deshalb beschließt sie am Ende der gemeinsam verbrachten Nacht, Andreas und sich zu retten.
Ja, sagt Olina leise, ich werde dich retten. Erschrick nicht! [...] Hab nur Vertrauen und glaub mir: Wohin ich dich auch führen werde, es wird das Leben sein. (Zug 117)
Eine Frau von verzweifelter Naivität, ein neuer Charakterzug an Olina, wird hierdurch deutlich. Sie will wohl glauben, dem Greuel dieses totalen Krieges zu entkommen. Auch Andreas ist erstaunt über dieses Maß an Optimismus.
Sie glaubt also wirklich, sie könnte mich retten. Andreas lächelt. Sie glaubt, man könne durchgleiten durch dieses Netz. Dieses Kind glaubt, dass es ein Entrinnen gibt...(Zug 122).
In der Tat misslingt die Flucht und die Vorahnung Andreas’ bewahrheitet sich. Eine Granate trifft das Fahrzeug, mit dem sie fliehen wollen, und reißt sie in den Tod.
Die Figur der Olina nimmt in der Erzählung gleich mehrere Funktionen wahr. Sie ist für den Protagonisten sowohl „Kind“ (Zug 93) und „Schwester“ (Zug 95) als auch „Hure“ (Zug 89) in einer Person. Auch mütterliche Züge lassen sich bei Olina ausmachen, als sie „mit sanften Händen das kleine Mahl auf dem Rauchtisch zurechtsetzt“ (Zug 109). Sie wirkt auf den Leser „unschuldig“ und „verworfen“ (Zug 84) zugleich.
Für Prostituierte im Allgemeinen und für Olina als „Hure“ im Besonderen empfindet Andreas lediglich Mitleid.
Sie wird in ein Zimmer geschickt, und es werden zweihundertfünf-zig Mark für sie bezahlt [...] und sie muss in das Zimmer gehen wie ein Soldat an die Front.[...] Ein schreckliches Leben. Sie wird in ein Zimmer geschickt und weiß nicht, wer drin ist. Ein Alter, ein Junger, ein Hässlicher oder ein Hübscher, ein Schwein oder ein Unschuldiger. (Zug 92)
Wie ein Soldat ist sie in seinen Augen mithin angehalten blindlings ihre Pflicht zu tun. Insofern sind die Beiden Schicksalsgenossen.
Prostituierte sind bei Böll die einzigen Frauenfiguren, die in der unmit-telbaren Kriegssituation gegenwärtig sind. Dies entspricht sicherlich ein Stück weit den realen Verhältnissen dieser Zeit. Dessen ungeachtet blendet er das Schicksal von Frauen aus, die sehr wohl nah an der Front waren, wie zum Beispiel Sanitäterinnen oder Zivilistinnen, die zwischen die Fronten gerieten. Dennoch ist dies wenig verwunderlich, wenn man sich Bölls Biografie vergegenwärtigt. Er selbst hatte im Krieg häufig Kontakt zu Prostituierten und fühlte sich bei ihnen stets sehr herzlich aufgehoben.
Manchmal musste ich auch in die Bordelle gehen, morgens früh, weil die Herren Offiziere und Unteroffiziere alles mögliche liegengelassen hatten [...] Sie können sich vorstellen, wie erotisch anre-gend ein Bordell morgens um 9 Uhr ist. Aber ich habe mich sehr gut mit den Bordellmüttern und auch den Mädchen verstanden. [...] Ich war ja ein junger Mensch, und es waren auch ganz hübsche Frauen dabei. Wir haben uns immer ganz nüchtern unterhalten; ich hab dann manchmal auch einen Kaffee bekommen. (1)
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(1) Wintzen, René: Eine deutsche Erinnerung, S.132
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