Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
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Wo warst Du, Adam?/ Ilona


In dem 1951 erschienenen Roman gibt Böll in einzelnen Episoden die Kriegserlebnisse mehrerer Soldaten zur Zeit des Rückzugs deutscher Truppen aus Rumänien und Ungarn wieder. Für das Thema dieser Arbeit ist insbesondere die Episode des Soldaten Feinhals von Interesse. Dieser begegnet der zu behandelnden Frauenfigur Ilona. Die ungarisch-jüdische Lehrerin und ehemalige Klosterschülerin verliebt sich in den Soldaten Feinhals. Tragischerweise bleibt es bei diesem einen Treffen, denn die Kriegsgeschehnisse reißen sie auseinander. Er wird an die Front, sie mit einem Judentransport ins Konzentrationslager abtransportiert. Beide überleben den Krieg nicht. Feinhals übersteht zwar den Fronteinsatz. Als er jedoch in seinen Heimatort zurückkehrt, der bereits von Amerikanern besetzt ist, wird er auf der Schwelle seines Elternhauses von einer Granate getötet.
Böll lässt erneut eine Liebesgeschichte im Krieg stattfinden. Er verzichtet jedoch hier, im Gegensatz zu den oben besprochenen Werken, fast völlig auf die Beschreibung der elementaren Merkmale Essen, Trinken, Lieben seiner Ästhetik des Humanen. Die Liebe zwischen Ilona und Feinhals bleibt eine flüchtige, ebenfalls rein platonische Begegnung. Es fehlt ihnen die Zeit. Und Ilona scheut eine Liebe, „die nur für Augenblicke wirklich ist, während es eine andere, ewige Liebe gibt“ .
Trotzdem bedeutet Ilona diese Begegnung viel. Dies wird beim Ab-schiednehmen von Feinhals (Vgl. Adam 86) und kurz vor ihrem Tod, als sie an die ersten Begegnungen mit ihm zurückdenkt, deutlich.

[...] Es gab viele Männer, die sich für sie interessierten, manche ge-standen ihr auch ihre Liebe, und von einigen ließ sie sich küssen, aber sie wartete auf etwas, das sie nicht hätte beschreiben können, sie nannte es nicht Liebe – [...] eher hätte sie es Überraschung nen-nen mögen, und sie hatte geglaubt, diese Überraschung zu spüren, als der Soldat, dessen Namen sie nicht kannte, neben ihr an der Landkarte stand und die Fähnchen einsteckte. [...] Sie hatte Freude empfunden und hätte singen können. Er war der erste, den sie wie-derküsste...(Adam 124).

Demnach ist Feinhals der Mann, auf den sie solange gewartet hat. Derjenige für den sie wohl damals das Kloster verließ.

Sie war ein ganzes Jahr im Kloster gewesen, es war eine schöne Zeit, und wenn sie wirklich Nonne geworden wäre, wäre sie jetzt Schulschwester in Argentinien [...] Aber sie war nicht Nonne geworden, der Wunsch, zu heiraten und Kinder zu haben, war so stark in ihr, dass er auch nach einem Jahr nicht überwunden war – und sie war in die Welt zurückgekehrt. (Adam 123)

Der Krieg verhindert, dass Ilona Ehefrau und Mutter werden kann. Gleichwohl ist sie für Feinhals und er für sie ein Hoffnungsschimmer in den Kriegsjahren.

[...] Und er hatte vor, noch etwas zu tun auf dieser Welt: Er wollte auf Ilona warten, sie suchen und sie lieben – wenn er auch wusste, dass es sinnlos war, er wollte es tun, weil es eine geringe Chance gab, dass es erfolgreich sein könnte. (Adam 90)

Die Besonderheit dieser Liebesgeschichte ist, dass sie sich zwischen einer Jüdin und einem Deutschen ereignet. So stellt Böll das unver-wüstbar Menschliche der Unmenschlichkeit und Absurdität der national-sozialistischen Rassenpolitik gegenüber.

Als Ilona in ein Konzentrationslager deportiert wird, wird ein weiteres Mal die Musik zum Gegenstand gemacht. Während die Musik in „Der Zug war pünktlich“ oder in „Kreuz ohne Liebe“ den Menschen, insbe-sondere den Soldaten, Trost spendet, wird Ilonas Musik zu ihrem sowie zum Verhängnis aller jüdischer Gefangener.
So lässt der Kommandant des Lagers, der fanatischer Musikliebhaber ist, die Gefangenen vorsingen, bevor er über ihr Schicksal entscheidet. Aber dieses grauenhafte Spiel versagt bei Ilona: Als sie anfängt,

die Allerheiligenlitanei nach einer Vertonung zu singen, die sie erst kürzlich entdeckt hatte, [...] verzerrte sich sein Gesicht vor ihr wie ein schreckliches Gewächs, das einen Krampf zu bekommen schien. [...] Er starrte sie an: [...] hier war es: Schönheit und Größe und rassische Vollendung, verbunden mit etwas, das ihn vollkom-men lähmte: Glauben. [...] Und in ihrem Blick, obwohl er sah, dass sie zitterte – in ihrem Blick war etwas fast wie Liebe – [...] Er hatte noch nie eine Frau so singen hören (Adam 126).

Die Einheit von Ästhetik und Moral, die Ilona ausstrahlt, erschüttert das zynische Weltbild des Lagerkommandanten. Die Scheinrationalität des Terrors bricht zusammen. Noch während Ilona singt,

nahm er mit zitternden Händen seine Pistole, wandte sich um, schoss blindlings auf die Frau, die stürzte und zu schreien anfing – jetzt fand er seine Stimme wieder, nachdem die ihre nicht mehr sang. „Umlegen“, schrie er, „alle umlegen...“, [...] Er schoss sein ganzes Magazin leer auf die Frau, die am Boden lag und unter Qualen ihre Angst erbrach...Draußen fing die Metzelei an (Adam 127).

Böll beschreibt mit Ilona zum einen ein Opfer des Nationalsozialismus. Sie stirbt handelnd, ihre Persönlichkeit bewahrend. Ihr Mörder muss sich das und damit seine eigene Niederlage eingestehen. Während des Vorsingens, wird sie zu einer märtyrerhaften „Heiligen“. Ihre Gestalt und ihr Gesang werden als „vollendet“ beschrieben. Sie wird zur „Unschuldi-gen“ schlechthin, wodurch sie Eigenschaften der biblischen „Maria-Figur“ aufweist.
Zum anderen sind aber auch traditionell weibliche Wesenszüge mit ihrer heilig wirkenden Figur verwoben. Sie wollte zwar Nonne werden und den weltlichen Genüssen entsagen. Doch gibt sie ihrem starken Wunsch nach einer Familie nach. In letzter Konsequenz bedingt dieser Wunsch sogar ihren Tod. Denn wäre sie in der Isolation des Klosters geblieben, hätte sie den Krieg womöglich überlebt.