Käthe Bogner
Mit Käthe Bogner wird zum ersten Mal das Leben einer Frauenfigur nach dem Krieg geschildert. Durch den Perspektivwechsel im Erzählstil erhält sie den gleichen Raum wie ihr Ehemann ihre Sicht der Dinge wiederzugeben. Zuvor waren es bei Böll zumeist die Männer, die zu Wort kamen.
Käthe Bogner wird in ihrer Rolle als Mutter idealisiert . Im Gegensatz zu ihrem Mann, der sich in Selbstmitleid ertrinkt, sorgt Käthe bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit für das Wohl der Familie. So kämpft sie unermüdlich „gegen den Schmutz, den der Krieg in Bewegung gesetzt hat“ .
Es werden sowohl die positiven als auch die negativen Seiten des Mutterseins dargestellt. Einerseits sieht sich Käthe gerne in der Mutterrolle.
Der Kuchen war wohlgeraten. Als ich ihn aus dem Ofen zog, strömte der warme und süße Backgeruch in unser Zimmer. Die Kinder strahlten. Ich schickte Clemens nach Sahne, füllte sie in ei-ne Spritze und malte den Kindern Ranken und kleine Kreise, kleine Profile auf den pflaumenblauen Grund. (Wort 87)
Andererseits ist die Hausarbeit für sie psychisch und physisch schwer zu ertragen. Wie sehr der „Kampf gegen den Schmutz“ (Wort 49) an ihren Nerven zehrt, wird ausführlich beschrieben.
Wenn ich zum Wasserhahn gehe, um den Eimer vollaufen zu las-sen, sehe ich, ohne es zu wollen, mein Gesicht im Spiegel: eine magere Frau, die sich der Bitternis des Lebens bewusst geworden ist [...] Nur langsam füllt sich mein Eimer, und sobald das Gluck-sen heller wird, immer heller, bedrohlich dünn, sobald ich höre, wie das blecherne Gerät meines alltäglichen Kampfes sich füllt, wenden sich meine Augen aus dem Hintergrund des Spiegels zu-rück. (Wort 46f.)
Obgleich dieser Teil ihres Alltags wohl der Schlimmste für sie ist, bewältigt sie auch diesen. Mit dieser Darstellung der Käthe versinnbild-licht Böll zugleich den Überlebenskampf der Frauen und deren stabilisie-rende Funktion in der Wiederaufbauphase Deutschlands. In ihrem Kampf gegen Staub, Schmutz und Ungeziefer sind die faktischen Lebensbedingungen der „Trümmerfrauen“ abgebildet.
Käthe indes ist außerordentlich gründlich bei der Beseitigung des Schmutzes. Sie befürchtet, dass ihre Kinder erkranken könnten. So wie ihre Zwillinge, Regina und Robert, die im Krieg den Mangel an Hygiene nicht überlebten. (Vgl. Wort 50)
Darüber hinaus will Käthe auch noch ihre Ehe retten. Die Treffen mit Fred sind für sie nicht leicht, denn „obwohl sie sich freut, ihn zu treffen, erschreckt sie die Tatsache, dass sie die Kinder verlassen muss, um bei ihm zu sein“ (Wort 89). Selbst hier dominiert die Vernunft der sorgenden Mutter. Überdies verabscheut sie die Treffen mit Fred in Hotels und Parks mithin dass sich ihr Sexualleben in der Öffentlichkeit abspielt. Dadurch fühlt sie sich häufig wie eine Prostituierte.
Ich habe nichts gegen Huren, Fred, aber ich bin keine. Es ist schrecklich für mich, zu dir zu kommen, irgendwo im Flur eines zerstörten Hauses oder auf einem Acker mit dir zusammen zu sein und dann nach Hause zu fahren. Ich habe immer das schreckliche Gefühl, du hättest vergessen, mir fünf oder zehn Mark in die Hand zu drücken, wenn ich in die Straßenbahn steige. (Wort 154)
Dennoch will sie, dass er wieder nach Hause kommt, geknüpft an die Bedingung, dass er nicht wieder „herumbrüllt, die Kinder schlägt, obwohl er weiß, dass sie unschuldig sind“ (Wort 153). Ansonsten ist sie auch bereit, die Kinder weiterhin alleine groß zu ziehen.
Käthe ist die erste Frau in den hier behandelten Werken Bölls, die ihrem Mann Bedingungen stellt. Die mitunter sogar an ihr eigenes Wohl denkt. Trotzdem nimmt sie widerspruchslos alle Aufgaben wahr, die dem traditionellen Frauenbild anhaften. Sie kümmert sich vorbildlich um ihre Kinder, führt den Haushalt und kommt sogar ihren Pflichten als Ehefrau nach, obwohl sie mit all ihren Sorgen alleine dasteht. Käthe stellt zwar Bedingungen, aber Fred folgt diesen nicht. Er verfährt weiter nach seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen. Er kehrt auch erst dann nach Hause zurück, als er sich dazu bereit fühlt.
Käthe beneidet ihren Mann um diese Autonomie. Darum, dass er diese Entscheidungen selber treffen kann, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Sie versteht ihn sogar: „Ja, ich beneide dich, [...]. Du kannst einfach abhauen, und ich kann es sogar verstehen.“ (Wort 158)
Jedoch kann sie scheinbar als Frau solche Entscheidungen nicht treffen. Sie ist in erster Linie Mutter, die ihren Pflichten nachkommen muss.
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