Nella Bach
Nella Bach lebt mit ihrem Sohn Martin, ihrer Mutter und Albert, einem Freund der Familie, zusammen. Da sie aufgrund ihrer finanziellen Lage nicht arbeiten muss, verwendet sie viel Zeit darauf, darüber nachzuden-ken, wie ihr Leben wohl aussähe, wenn ihr Mann noch lebte. Albert beschreibt dies folgendermaßen:
Nella liebt es, zu dieser Stunde lange Monologe über ihr verkorkstes Leben zu halten, ihm Bekenntnisse zu machen oder ihm auszumalen, wie alles hätte kommen können, wenn Rai nicht gefallen wäre. Gewaltsam versuchte sie, die Zeit zurückzudrehen, alles, was seit zehn Jahren geschehen war, wegzuschieben und ihn [d.i. Rai] in ihren Traum hineinzuziehen.(HoH72)
Und auch Nella selbst gibt zu, dass sie den Tod ihres Mannes nicht verkraftet. Einen Heiratsantrag Alberts lehnt sie ab mit der Begründung, dass sie nie wieder heiraten wolle.
Mit Rai wäre alles gut gewesen, ich wäre ihm treu geblieben, und wir hätten noch mehr Kinder gehabt, aber sein Tod hat mich gebrochen, wenn du`s so nennen willst, und ich möchte nicht noch einmal jemandes Frau sein. (HoH 76)
Als weiteren Grund für ihren Entschluss, nicht mehr zu heiraten, nennt Nella ihre Verachtung für die Nazis.
[...] Ich kann ihnen nicht verzeihen, dass sie meinen Mann abgeknallt haben – ich kann’s nicht verwinden, nicht verzeihen und nicht vergessen, und ich möchte ihnen nicht zum zweiten Male die Freude machen, eine glücklich lächelnde Frau abzugeben, ihnen. (HoH 136)
Wegen ihrer Trauer und ihres Lebenswandels vernachlässigt sie ihre Pflichten als Mutter und Hausfrau. Ihr Verhalten ist sehr ambivalent. Einerseits kümmert sie sich nur unregelmäßig um ihren Sohn. Manchmal denkt sie tagelang nicht an ihn (Vgl. HoH 31). Andere Male ist sie die besorgte Mutter.
Sie sprang sofort auf, wenn er hustete, und kam an sein Bett. Sie legte die Hand auf seine Stirn, küsste ihn auf die Wange und fragte leise: „Dir fehlt doch nichts, mein Kleiner?“. (HoH 7)
Zum Typ der aufopferungsvollen Müttern, wie zum Beispiel Käthe Bogner oder Johanna Bachem, ist sie nicht zu zählen. Teilweise kümmert sich nur Albert um Martin, der diesen wie seinen eigenen Sohn liebt. Nicht nur ihren Sohn vernachlässigt sie, auch um ihr Haus kümmert sie sich nicht. Sie interessiert weder, dass ihr Haus zerfällt, noch dass sie Ungeziefer im Haus haben. (Vgl. HoH 85)
Ihr Leben dreht sich nur um die Trauer um ihren verstorbenen Mann. Da dieser Gedichte geschrieben hat, die nach seinem Tod veröffentlicht werden, ist Nella oft von Literaturkritikern und Künstlern umgeben. Diese sind zwar hauptsächlich „Snobs“ (HoH 67), aber sie kann mit ihnen über ihren verstorbenen Mann reden, und das liebt sie.
Unter diesen Leuten macht sie den Mörder ihres Mannes aus. Dieser interessiert sich zynischerweise für die Gedichte ihres Mannes. Für ihre Rache möchte sie sich ihrer weiblichen Reize bedienen.
Ich werde dich töten, werde dich zerschneiden, zersägen mit meiner Waffe, die schrecklich ist: mit meinem Lächeln, das mich nichts kostet, nur eine winzige Muskelbewegung im Unterkiefer, ein Mechanismus, der leicht zu bedienen ist: ich habe mehr Muni-tion, als du für deine Maschinengewehre hattest, und es kostet mich weniger, wie dich die Maschinengewehrmunition gekostet hat. (HoH 33)
Als sie sich mit dem Mörder trifft, kann sie jedoch keinen Hass, sondern nur Langeweile empfinden.
Mein Mann haßte den Krieg, und ich werde Ihnen kein Gedicht für ihre Anthologie geben, wenn Sie nicht einen Brief dazu nehmen, den ich aussuche. Er haßte den Krieg, haßte Generäle, das Militär – und ich müsste Sie hassen, aber merkwürdig, Sie langweilen mich nur. [...] Ich müsste Sie hassen, [...] wenn ich nicht da aufgehört hätte zu leben, wo mein Mann starb. Das wollte ich: seinen Hass weiterhassen, denn er, wenn er Sie gekannt hätte, heute, oder damals, er hätte Sie nur geohrfeigt. (HoH 169)
Der Mörder widerspricht dem Bild, das sie sich von ihm machte.
Dieser kleine Streber flößte ihr keinen Haß ein: er war nicht der schwarze Mann, der Bösewicht, wie Mutter ihn in des Jungen Phantasie zu graben versuchte: eitel war er, nicht einmal dumm, und er würde Karriere machen. (HoH 170)
Augenscheinlich wird durch den Erkenntnisprozess, den Nella durchläuft, die Banalität des Bösen, welche hinter jeder menschlichen Fassade verborgen sein kann.
Mit Nella Bach zeigt Böll eine liebenswerte Frau, die den Krieg zwar überlebt hat, jedoch an ihm psychisch zerbrochen ist. Sie kann den Tod ihres Mannes nicht überwinden. Sie schafft es nicht, die Lücke auszufül-len, die der Tod ihres Mannes in der Familie hinterlassen hat.
Wenngleich sie ihre Pflichten als Mutter und Hausfrau vernachlässigt, zeichnet Böll sie als eine durchaus gutmütige Frau, der zum Beispiel Geiz fremd ist. (Vgl. HoH 133) Letztlich besitzt sie auch ihre Qualitäten als Mutterfigur, als sie sich hingebungsvoll um Heinrichs kleine Schwes-ter kümmert. (Vgl. HoH 215)
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