Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
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Wilma Brielach


Das bisherige Leben der Witwe Brielach fasst Böll in zwei kurzen Abschnitten zusammen. Demnach hatte sie schon immer ein hartes Leben. Bereits ihre Kindheit verbrachte sie in einem harten Elternhaus, „wo ein fleischfressender Vater eine frömmelnde Mutter tyrannisierte“ (HoH 37).

Mit achtzehn Jahren hatte sie einen schmucken Panzergefreiten geheiratet, dessen Körper jetzt irgendwo zwischen Saporoshe und Nnjepropetrowsk vermoderte. Jetzt war sie einundzwanzig Jahre alt, Witwe eines schmucken Feldwebels, besaß ein zwölf Wochen altes Kind, zwei Handtücher, zwei Kochtöpfe und etwas Geld, und sie war hübsch. (HoH 13)

Das liegt zu dem Zeitpunkt, an dem die Handlung einsetzt schon zehn Jahre zurück. Seitdem stürzt sie sich von einer „Onkelehe“ in die nächste.

Der kleine Junge, den sie auf den Vornamen seines Vaters Heinrich hatte taufen lassen, wuchs in dem Bewusstsein auf, dass Onkel zu Müttern gehören. (HoH 13)

„Onkelehen“, die man heute wohl als „wilde Ehen“ bezeichnen würde, waren in der frühen Nachkriegszeit sehr verbreitet. Man lebte damals ohne kirchlichen Segen zusammen, da eine neue Heirat den Anspruch auf die Witwenrente hätte verfallen lassen. Oftmals war es erst mittels einer solchen Beziehung möglich, die unehelichen Kinder und Halbwaisen finanziell durchzubringen.
Auch auf die Witwe Brielach trifft diese zu. Sie geht diese Verbindungen nicht primär der Liebe wegen ein, sondern um ihre Kinder und sich durchzubringen. Wenn sie könnte, würde sie lieber mit den Kindern allein leben. Denn auch die sexuellen abendlichen Verpflichtungen sind ihr zuwider. (Vgl. HoH 39)
Indes muss sie sich gezwungenermaßen der Versorgung wegen, weiter-hin auf diese Onkel-Verbindungen einlassen.

Als sie die schreckliche Nachricht erhält, dass sie ihre Zähne richten lassen muss und dafür 1200 Mark erforderlich sind, ist sie völlig verzweifelt. Bis dahin war ihre Schönheit ihr Kapital.

Eine Frau ohne Zähne sah schrecklich aus. Kein Fremder dürfte ins Zimmer kommen, und nicht einmal Heinrich würde sie sich zeigen. Leo schon gar nicht. [...] Die hoffnungslose hohe Summe hatte in ihrer Endgültigkeit etwas von einem Todesurteil: in spätestens zwei Monaten würden ihr dreizehn Zähne ausgefallen sein, und damit war ihr Leben zu Ende. (HoH 34f.)

Da sie weiß, dass ihr aktueller Freund Leo ihr niemals das Geld für die Behandlung geben, sie sogar eher verlassen würde, sobald ihr die Zähne ausfielen, entschließt sie sich, „den Bäcker zu erhören und Leo jungen Schaffnerinnen zu überlassen“ (HoH 44).
Der Bäcker, für den sie tätig ist, macht ihr schon länger den Hof. Sie hofft, durch ihn an das Geld für die Zähne zu kommen. Außerdem verfügt er über ein freies Zimmer, in welchem sie mietfrei wohnen könnte, und vielleicht würde sogar eine Lehrstelle für ihren Sohn herausspringen. (Vgl. HoH 44) Also zieht sie aus Geldnot gezwungen mit den Kindern zum Bäcker.
Die Witwe Brielach ist eine auf ihre Schönheit reduzierte Frau. Sie ist ihr Kapital, ohne das sie nicht weiterleben kann.
Ihre unmittelbare Umgebung empfindet Wilma als unmoralisch. Sie wird auf der Straße nicht mehr gegrüßt. Ihre Schwiegermutter ermahnt sie: „Dein Lebenswandel – alles hat seine Grenzen“ (HoH 42). Auch Heinrich bekommt mit, wie der Rektor seiner Schule seine Mutter als unmoralisch bezeichnet (Vgl. HoH 121). Und selbst Wilma will einige Male ihren Lebenswandel ändern (Vgl. HoH 178). Aber eben diejenigen, die so über sie urteilen, denken nicht daran, ihr zu helfen. Sie ist Opfer der sie umgebenden Umstände. Dies und ihr Wille, zu überleben, lassen Wilma unschuldig an ihrer Situation erscheinen.

An der Figur der Wilma Brielach verwirklicht Böll ein weiteres Mal seine Vorstellung der „Trinität des Weiblichen“. Sie weist zum einen durch ihre Mütterlichkeit und ihre unschuldige Seite Eigenschaften der „Maria-Figur“ auf. Zum anderen wird sie als Sünderin und Verführerin beschrieben, wodurch sie Eigenschaften „Magdalenas“ und der „Eva-Figur“ miteinander vereint.
Zum Ende findet Wilma in Albert, dem Freund der Familie Bach, einen Mann, in den sie sich verliebt. Als sie sich in ihrer Not bei Albert ausweint, sieht Heinrich „Hoffnung, die für einen Augenblick im Gesicht seiner Mutter steht“ (HoH 220).

Er hatte begriffen, er hatte ihr geholfen, und sie liebte ihn, wie sie noch keinen geliebt hatte. Länger als bei einer solch spontanen Umarmung üblich war, hatte er sie im Arm gehalten. Er würde wiederkommen, würde die Kinder zurückbringen, und sie würde ihn sehen. (HoH 212)

Albert ist der erste Mann, in den sich Wilma verliebt.

Sie wollte nicht so geliebt werden, sie hatte Angst. [...] Liebe gab es im Film, gab es in Romanen, im Rundfunk, in Liedern. Im Film gab es Männer, deren Augen plötzlich leuchteten und deren Ge-sichter sich vor Leidenschaft verfärbten, [...] Aber sie wollte damit nichts zu tun haben. (HoH 185)

Die Figur der Wilma Brielach zeichnet eine zähe, lebenshungrige Frau aus dem Volk nach. Auch die schwersten Schicksalsschläge und Demütigungen erträgt sie um der Zukunft ihrer Kinder willen.
An dem Beispiel der Witwen zeigt Böll, wie der Krieg Familien und somit soziale Milieus zerstört hat. Durch sie bringt Böll immer wieder das gegenüber dem Nationalsozialismus nicht „Verzeihen und nicht Vergessen“ (HoH 136) mit ein.