Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
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Billard um halb zehn/ Johanna Fähmel


Die Handlung des Romans konzentriert sich ausschließlich auf einen Tag, den 80. Geburtstag Heinrich Fähmels, am 6. September 1958. Die Feier soll vor dem Hotel „Prinz Heinrich“ stattfinden, in dem Robert Fähmel, der Sohn Heinrichs, täglich mit dem Liftboy Billard spielt. Am gleichen Tag findet ein Aufmarsch der Blauuniformierten, einer rechtsra-dikalen Organisation, statt. Bei diesem Aufmarsch wird Herr M., ein Verantwortlicher aus der Politik, der die Rechtsradikalen zuvor begrüßt hat, von Johanna Fähmel erschossen. Diese wird seit vielen Jahren in einem Sanatorium behandelt, da sie die Vergangenheit nicht vergessen kann.

Böll selbst sagt über die Figur der Johanna Fähmel in einem Interview:

Es könnte sein, dass es Befreiungsversuche der Frau sind: bei Leni Pfeiffer, Katharina Blum und auch bei der alten Frau Fähmel im Billard um halb zehn und...(1)

Die Figur der Johanna Fähmel zeigt jedenfalls einzelne Ansätze der Böllschen Befreiungsansichten. Sie ist die erste Frau in den bisher behandelten Werken, die gegen ihre Umgebung rebelliert. Diese Seite zeigt sich erstmals zur Zeit des Ersten Weltkriegs, als sie öffentlich Kritik am Kaiser übt.

Der kaiserliche Narr..., und es war, als bräche da draußen im Kasi-no an der Wilhelmskuhle die Eiszeit aus; sie wiederholte es in die Stille hinein: Der kaiserliche Narr.(2)

Johanna ist jedoch nicht nur rebellisch, sondern auch selbstbewusst. Sie weiß, was sie will. Als Heinrich Fähmel bei ihrem Vater um ihre Hand anhält, ist sie es, die „das Ja nicht gehaucht, sondern es deutlich ausgesprochen hatte“ (Bhz 122).
Und auch nachdem sie durch Heinrich ihre Jungfräulichkeit verliert, schämt sie sich nicht, „aus der Pflicht ein Vergnügen zu machen“ (Bhz 159)
Nichtsdestotrotz ist Johanna auch eine zärtliche Ehefrau und Mutter, so wie alle eher positiv gezeichneten Frauen bei Böll. (Vgl. Bhz 84)

Während des Nazi-Regimes bleibt Frau Fähmel ihren Grundüberzeugun-gen treu. Sie unterstützt die antifaschistischen Tätigkeiten ihres Sohnes Robert, der ihre Ansichten teilt. Sie nennt ihn

den Ungebeugten, Aufrechten, der sich immer von Geheimnissen nährte; [...] Sie (d.i. die Nazis) haben ihn geschlagen, pflügten sei-nen Rücken auf, aber er beugte sich nicht, gab sein Geheimnis nicht preis (Bhz 133).

So wie ihr Sohn leistet auch Johanna im Nationalsozialismus aktiven Widerstand. Zuerst zeigt sie öffentliche Sympathie für die Juden (Vgl. Bhz 29), später erschießt sie den Politiker Herrn M., der den „Kampf-bund“, die oben genannte rechtsradikale Organisation, für seinen Wahlkampf benutzen will. (Vgl. Bhz 274f.) Eigentlich hatte sie vor gehabt, den alten Nazi Nettlinger aus Rache zu töten. Sie hält ihn nämlich für schuldig am Tod ihres Sohnes Otto. Aber in Herrn M. sieht sie wohl die größere Gefahr für die Zukunft.
Böll zeigt auf diese Weise eine neue Form der weiblichen Verarbeitung der Kriegs- und Nachkriegszeit. Seine bisherigen Frauenfiguren verach-teten zwar das Unrecht des Nazi-Regimes, sie erduldeten es aber widerstandslos (vgl. Johanna Bachem aus „Kreuz ohne Liebe“).

Dessen ungeachtet ist Frau Fähmel aber auch eine „schwache“ Frau, die nach den schrecklichen Erfahrungen der beiden Weltkriege nicht mehr in die Gesellschaft integriert werden kann. Das liegt daran, dass sie den Verlust ihrer Kinder Heinrich und Otto nicht verkraftet. Heinrich stirbt als 7-jähriger an Fieber und sein letztes Wort ist „Hindenburg“. Otto wird zum Nazi, und sie muss mit ansehen,

wie er die Leute auf der Straße niederschlug, weil sie die Fahne nicht grüßten; er hob seine Hände und schlug sie, hätte auch mich geschlagen, wenn ich nicht rasch in die Krämerzeile eingebogen wäre (Bhz 165).

Und auch ihr gegenüber wird er darauf gewalttätig.

Otto war nur noch Ottos Hülle, die rasch einen anderen Inhalt be-kam; er hatte vom Sakrament des Büffels (d.i. Nazis) nicht nur ge-kostet, er war damit geimpft worden. [...] Und Otto kam, drückte mich an die Wand, trat mir auf die Finger, lachte. (Bhz 141)

Nach dessen Tod lässt sie sich 1942 in eine Sanatorium einliefern. Sie will die sie umgebenden Grausamkeiten nicht mehr ertragen müssen.

[...] Hier darfst du verrückt sein, ohne verprügelt zu werden, hier wird dir nicht kaltes Wasser über den Körper geschüttet, und ohne Einwilligung der Anverwandten bekommst du das spanische Hemd nicht angezogen. (Bhz 154)

Die nächsten sechzehn Jahre verbringt sie damit, die Erinnerungen aufrecht zu halten und die Trauerarbeit der Familie zu übernehmen.
Sie verrät ihrem Mann, warum sie es vorzieht, die gesamte Zeit im Sanatorium zu bleiben.

[...] Ich will nicht ausgehn, will die Zeit nicht sehen und nicht täg-lich spüren müssen, dass das heimliche Lachen getötet worden ist, die verborgene Feder im verborgenen Uhrwerk zerbrochen. (Bhz 154)

Ihr Vorhaben, sich zu rächen, bringt sie schließlich dazu, diesen Grundsatz abzulegen. Als sie die Anstalt verlässt, durchschaut sie die „Büffel“ sofort. Sie beginnt ihre Familie zu kritisieren und zu warnen.

[...] Ihr habt euch offenbar an die Gesichter schon gewöhnt, aber ich fange an, mich nach meinen harmlosen Irren zurückzusehnen; seid ihr denn blind? So leicht zu täuschen? Die werden euch für weniger als eine Handbewegung, für weniger als ein Butterbrot umbringen! [...] Die werden euch umbringen, wenn ihnen eure Ge-sichter nicht gefallen. [...] Da werden Jahrhunderte nicht ausrei-chen, mich an die Gesichter zu gewöhnen; anständig, anständig und keine Spur von Trauer im Gesicht; was ist ein Mensch ohne Trauer? (Bhz 273)

Böll benutzt die Figur der Johanna dazu, etwas Herausragendes zu verdeutlichen. Er will die Nation vor einer Wiederholung vergangener Fehler warnen.
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(1) Wintzen, René: Eine deutsche Erinnerung, S.49
(2) Böll, H.: Billard um halb zehn, S.94