Marie Derkum
Vorweg muss konstatiert werden, dass Marie nie selbst über ihre Beziehung zu Hans oder über den Grund, warum sie ihn verlassen hat, spricht. Sie taucht ausschließlich in Hans’ Erinnerungen auf. Ihr Bild entsteht erst durch seine Beschreibung.
Da sie sein gesamtes Fühlen und Denken beherrscht, ist sie jedoch als zweite Hauptfigur des Romans zu bezeichnen.
Man kann dies auf die einfache Formel bringen: „Marie ist zwar die weibliche Hauptfigur des Romans, doch ist sie nicht anwesend.“
Gemäß ihrem Verhalten Hans gegenüber ist Marie einerseits eine Idealfigur andererseits eine Person, die Schuld auf sich geladen hat, weil sie anfängt an sich selbst zu denken. Zu Beginn des Romans ähnelt sie der Figur der Hedwig Muller aus „Das Brot der frühen Jahre“. So gibt sie sich Hans recht schnell und widerstandslos hin, „als er einfach auf ihr Zimmer ging, um mit ihr die Sache zu tun, die Mann und Frau miteinan-der tun“ (AC 41).
Ihr reicht die Bestätigung, dass er sie schön findet und liebt, um alles aufzugeben und mit ihm wegzugehen. (Vgl. AC 47) “Wieder einmal stiftet der Blick des Mannes die Identität der Frau“, lässt sich hieran kritisieren.
In Hans Erinnerung ist die Zeit seines Zusammenseins mit Marie von einem Bild geprägt, das den zahlreichen positiv gezeichneten sich dem Partner widmenden Frauen des Frühwerks Bölls entspricht. Das charakte-ristische Lächeln – ein immer wiederkehrendes Motiv - und nicht zuletzt ihre von Hans beschriebene Hilfsbereitschaft bestätigen zusätzlich diesen Eindruck.
Ich war froh, dass ich mit ihr getan hatte, was ich immer mit ihr hatte tun wollen, ich küsste sie und war glücklich, dass sie lächelte. (AC 51)
Und an anderer Stelle heißt es:
Marie konnte sehr lieb sein und nett zu alten und hilfsbedürftigen Leuten; sie half ihnen auch bei jeder Gelegenheit beim Telefonie-ren. Ich sagte ihr einmal, sie hätte eigentlich zur Bahnhofsmission gehen sollen, und sie sagte: „Warum nicht?“ (AC 201)
Solange Marie alle ihre Bedürfnisse den Bedürfnissen Hans’ untergeord-net hat, lief die Beziehung aus seiner Sicht problemlos.
Sobald sie beginnt, an sich zu denken und ihren eigenen Wünschen Raum gibt, ist sie es, die seinen moralischen und gesellschaftlichen Verfall bedingt.
Es gibt ein vorübergehend wirksames Mittel: Alkohol – es gäbe eine dauerhafte Heilung: Marie; Marie hat mich verlassen. Ein Clown, der ans Saufen kommt, steigt rascher ab, als ein betrunke-ner Dachdecker stürzt. (AC 15)
Marie, die Verkörperung der Unschuld, hat Schuld auf sich geladen, indem sie Hans ohne klärende Aussprache verlassen hat. (Vgl. AC 81) Umso mehr, als sie ihm versprochen hatte bei ihm zu bleiben, „bis dass der Tod uns scheidet“ (AC 162).
Maries plötzlicher Entschluss, einen anderen zu heiraten, hat damit zu tun, dass sie nicht weiter in „wilder Ehe“ leben möchte. Aber von der Ehe ist Hans – das weiß sie – nicht überzeugt. Marie opfert aufgrund ihrer „kirchlichen Pflichten“ ihre Liebe, mithin auch andere Werte wie Partnerschaft und Treue. Erneut schimmert Bölls kritische Haltung gegenüber der Institution Ehe und der Kirche durch. Diese sind oftmals unvereinbar mit den ihnen innewohnenden Grundwerten. Überdies wird, wie schon oben erwähnt, eine „Befreiung der Frau“ durch diese Instituti-on gehemmt.
Andererseits ist nicht zweifelsfrei bestätigt, dass Marie ihre Entscheidung trifft, weil sie ein willenloses Opfer kirchlicher oder gesellschaftlicher Konventionen ist. Aus Hans’ Perspektive betrachtet wirkt es so. Derge-stalt weist er jede Schuld von sich. Marie wirkt in geringer Weise durch diese einseitige Schilderung entmündigt.
Hans Verbohrtheit in dieser Hinsicht wird durch seine drastische Wortwahl unterstrichen. Er bezeichnet Marie, seit sie ihn verlassen hat, nur noch als „Verräterin“ oder “Hure“.
Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass sie mit Züpfner “die Sa-che“ tun würde, [...] Nichts, was ich mit ihr getan hatte, konnte sie doch mit ihm tun, ohne sich als Verräterin oder Hure vorzukom-men. (AC 107)
Trotzdem hat Hans hinsichtlich seines Wunschbildes von Marie noch nicht völlig die Hoffnung aufgegeben. Schließlich glaubt er immer noch daran, dass sie zurückkehren wird.
Ich wollte mich Marie erhalten. Sie konnte sich von Züpfner wie-der trennen, [...] Sie konnte meine Konkubine bleiben, weil sie kirchlich ja nie mehr von Züpfner geschieden werden konnte. (AC 232)
Aus dieser weiteren Wunschvorstellung Hans’ entwickelt sich ein weiteres, neues Bild von Marie. Neben den sich wechselnden Motiven der „Geliebten“ und “Heiligen“ auf er einen Seite sowie der “Verräterin“ und “Hure“ auf der anderen Seite, erschafft er das Bild einer trauernden Frau, die sich niemals wirklich von ihm wird lösen können.
Marie wird es nicht glauben, dass ich tot bin – sie wird Züpfner verlassen, von Hotel zu Hotel fahren und nach mir fragen. (AC 233)
Diese in sich widersprüchliche und ambivalente Darstellung Maries verdeutlicht die Qualität der ihm zugefügten Verletzung und die daraus folgende Orientierungslosigkeit. Immerhin ist Marie die erste Frau, die Hans zeigt, wie schön ein harmonisches Alltagsleben sein kann. In seiner eigenen Familie hat er dies nie erfahren.
Vielleicht erlebte ich zum ersten Mal was Alltag ist. [...] Ich kam mir fast verheiratet vor, als ich in die Küche runterkam. Marie mir Kaffee einschenkte und mir ein Brötchen zurechtmachte. (AC 55)
Marie ist für Hans sowohl eine gute Ersatzmutter als auch eine perfekte Hausfrau gewesen, die
so eine geschickte und sehr rasche Art [hat], ein Zimmer aufge-räumt erscheinen zu lassen, obwohl sie nichts Sichtbares, Kontrol-lierbares darin anstellt (AC 199).
Auch hier finden die traditionellen Verhaltensmuster, die bei Böll Merkmal für seine „guten“ Frauenfiguren sind, Erwähnung. Denn nur sie sind es, die sich um die Familie und den Haushalt kümmern. (Vgl. Bspw. Cornelia Gluck und Käthe Bogner)
Für Hans ist Marie jedoch mehr als das. Sie ist nicht nur Hausfrau, sondern zugleich das Objekt seiner Begierde. Jemand, von dem Hans erwartet, dass er alle seine Bedürfnisse erfüllt. Marie wird indes nicht als gleichwertiger Mensch mit eigenen Bedürfnissen und Rechten von Hans gesehen.
Die traditionelle Verteilung der Geschlechterrollen findet in „Ansich-ten eines Clowns“ einen Höhepunkt. Das liegt daran, dass Marie nicht ein einziges Mal zu Wort kommt. Die weibliche Perspektive wird dadurch vollständig ausgeblendet. Auf den Punkt gebracht verharren die Charak-tere damit bei einer Zuordnung folgender Art: weiblich als Synonym für “Passivität“ und männlich als Synonym für “Aktivität“.
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