Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
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Mutter Schnier


Die Mutter von Hans Schnier unterscheidet sich völlig von den bisher besprochenen Muttertypen. Sie ist das absolute Gegenteil einer „Über-mutter“ wie Käthe Bogner aus „Und sagte kein einziges Wort“.
Sie ist eine begeisterte Anhängerin des Naziregimes gewesen. Ihr Fanatismus kostet sie sogar ihre einzige Tochter, die sie nötigt in den Krieg zu ziehen, damit sie „die jüdischen Yankees von unserer heiligen deutschen Erde wieder vertreibt“ (AC 28).
In der Nachkriegszeit gibt sich die ehemalige Nazi-Anhängerin als „Bilderbuchdemokratin“ . Hans hält dies für opportunistische Heuchelei. Die einstige Begeisterung für nationalsozialistischen und schließlich demokratischen Gemeinsinn ist in seinen Augen unvereinbar.

Meine Mutter ist inzwischen schon seit Jahren Präsidentin des Zentralkomitees zur Versöhnung rassischer Gegensätze; sie fährt zum Anne-Frank-Haus, gelegentlich sogar nach Amerika und hält vor amerikanischen Frauenclubs Reden über die Reue der Jugend, immer noch mit ihrer sanften, harmlosen Stimme, mit der sie Hen-riette wahrscheinlich zum Abschied gesagt hat: „Machs gut, Kind.“ (AC 33)

Hans wirft seiner Mutter den Tod seiner Schwester vor. Sie trage die Schuld daran. Sie ihrerseits, die damals, als sie die Nachricht vom Tod ihrer Tochter erhielt, ohne Reue zur Tagesordnung überging, will auch nach Kriegsende nicht an ihre Schuld erinnert werden.

„Das kannst du wohl nie vergessen, wie?“ Ich war selbst nahe am Weinen und sagte leise: „Vergessen? Sollte ich das, Mama?“ (AC 35)

Hans wirft ihr außerdem vor, eine unglückliche Kindheit gehabt zu haben.

[...] Über den theoretischen pädagogischen Wert einer solchen Erziehung bin ich mir vollkommen klar – aber es war eben Theorie, Pädagogik, Psychologie, Chemie – und eine tödliche Verdrossen-heit. (AC 166)

Die Mutter versorgte ihre Kinder trotz ihres Reichtums weder ausrei-chend mit Nahrung noch mit Spielsachen. Auch die Kinderbetreuung überließ sie dem Hauspersonal. Sie rechtfertigt diese harte Erziehung, indem sie auf den damit verbundenen pädagogischen Wert verweist. Tatsächlich will sie aber nur ihre Geltungssucht in der Öffentlichkeit befriedigen.
Hans verachtet seine Mutter dafür. So beklagte er sich bei seinem Vater, dass „wir nie richtig satt geworden [sind], wenigstens zu Hause nicht“ (AC 165).

Satt wurden sie zum Beispiel durch die Mutter eines Freundes, der aus der Arbeiterschicht stammt. Von ihr bekam Hans zu Essen, obwohl seine Familie vom sozialen Status her, weit über ihr stand.

Und dann gab es bei uns immer zu wenig Brot im Brotkorb, eine knappe beschissene Angelegenheit war das, unser Brotkorb, dieses verdammte Knäckebrot, oder ein paar Scheiben, die aus „gesund-heitlichen Gründen“ halb trocken waren – wenn ich zu Wienekens kam und Edgar hatte gerade Brot geholt, dann hielt seine Mutter mit der linken Hand den Laib vor der Brust fest und schnitt mit der rechten Hand frische Scheiben ab, die wir auffingen und mit Apfelkraut beschmierten. (AC 165f.)

Dennoch wird bei Frau Schnier, im Gegensatz zu Frau Franke aus „Und sagte kein einziges Wort“, noch ein kleiner Rest an menschlicher Verletzlichkeit offenbar. Sie ist eine inkonsequente und somit schwache Person. Denn sie selbst hat es schwer, die von ihr aufgestellten Regeln zu befolgen. Das wird augenscheinlich, als Hans seine Mutter dabei erwischt,

wie sei im Keller heimlich in ihre Vorratskammer ging, sich eine dicke Scheibe Brot abschnitt und sie unten aß, stehend, mit den Fingern, hastig, es sah nicht einmal widerwärtig aus, nur überra-schend, und ich war eher gerührt als entsetzt (AC 234).

Frau Schnier erscheint hierdurch in einem anderen Licht. Auch sie ist nur Opfer gesellschaftlicher Mechanismen. Ihre opportunistische Haltung demjenigen Regime gegenüber verstärkt nur diesen Eindruck.
Dadurch will Böll sicherlich nicht den Einzelnen von seiner Komplizenschaft mit einem Terrorregime freisprechen. Vielmehr ist dies für ihn Indiz für ein, den menschlichen Charakter korrumpierendes System.