Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
Start | Biographie | Impressum | Verweise
> Ausgrenzung der Frauen
> Frau - natürliches Geschlecht
> Frauenbilder in Männer-Literatur
> Über die Ästhetik des Humanen
> Trinität des Weiblichen
> Die Befreiung der Frau
> Frauen in der Kriegszeit
>> Kreuz ohne Liebe
>>> Cornelia Gluck
>>> Johanna Bachem
>>> Grete Bachem
>>> Mutter Gluck
>> Der Zug war pünktlich
>> Wo warst Du, Adam?
> Frauen in der Nachkriegszeit
>> Und sagte kein einziges Wort
>>> Käthe Bogner
>>> Mädchen aus der Imbissbude
>>> Frau Franke
>> Haus ohne Hüter
>>> Nella Bach
>>> Wilma Brielach
>>> Die Großmütter
>> Das Brot der frühen Jahre
>>> Hedwig Muller
>>> Ulla Wickweber
>> Billard um halb zehn
>> Ansichten eines Clowns
>>> Marie Derkum
>>> Monika Silvs
>>> Mutter Schnier
>> Gruppenbild mit Dame

Gruppenbild mit Dame/ Leni Gruyten


Aus einer Vielzahl von Berichten und Befragungen über Leni Pfeiffer, geborene Gruyten, baut Böll folgende Romanhandlung auf: Leni, die Tochter eines in der NS-Zeit aufgestiegenen Bauunternehmers wird in einer Klosterschule erzogen, wo die jüdische Nonne, Rahel Ginzburg, großen Einfluss auf sie ausübt. Nach einer flüchtigen Liebesbeziehung heiratet Leni den Unteroffizier Alois Pfeiffer, der kurz darauf im Osten fällt. Ihr Vater wird zu lebenslanger Haft verurteilt, was Lenis Mutter nicht überlebt. Stärker bedauert Leni jedoch den Tod der Nonne Rahel, die bis dahin auf einem Dachboden vor sich hin vegetieren muss. Schließlich wird Leni in einer Kranzbinderei dienstverpflichtet, wo auch der russische Kriegsgefangene Boris Koltowski arbeitet, mit dem sich Leni zunächst verbotenerweise anfreundet, und in den die sich später sogar verliebt. Beide überstehen gemeinsam die Kriegszeit. Die Bezie-hung wird durch die Geburt ihres Sohnes Lev gekrönt. Jedoch verun-glückt Boris nach seiner Gefangennahme durch die Besatzungstruppen tödlich. Danach zieht sich Leni völlig zurück, arbeitet weiter in der Gärtnerei und vermietet die Zimmer ihres Hauses an Gastarbeiter. Sie beginnt eine Affäre mit einem türkischen Gastarbeiter, von dem sie ein Kind erwartet. Ihre Verwandtschaft reagiert feindselig und will sie aus dem Haus ausweisen lassen. Dies wird jedoch durch das „Helft-Leni- Komitee“, welches ihre Freunde und Nachbarn gegründet haben, verhindert.

Wie bereits erwähnt ist die Figur der Leni eine Verschmelzung und zugleich Weiterentwicklung früherer Böllscher Frauenfiguren. Dabei steht der Aspekt der Weiterentwicklung stärker im Vordergrund. Böll bezeichnet diese Entwicklung als „Fortschreibung“. Über Leni sagt er:

Diese Figur hat mich wahnsinnig beschäftigt; in allen Romanen schon. Es interessierte mich sehr, diese Frau – mich interessieren ja Frauen sehr – literarisch darzustellen, und ich glaube, dass sie viel Verwandtschaft hat mit anderen Frauenfiguren. Vielleicht ist es die, die ich immer darstellen wollte und nie so richtig hingekriegt habe.

Durch die drei Frauenfiguren aus „Gruppenbild mit Dame“, Leni, die Nonne Rahel und Lenis Freundin Margret, entwickelt Böll seine Utopie des Weiblichen im Sinne seiner „Frankfurter Vorlesungen“ fort. Dieses „Frauengruppenbild“ verkörpert, wie schon oben (vgl. Kapitel 2.2.) dargestellt, seine „Trinität des Weiblichen“.

Im Übrigen entwickelt Böll anhand der Leni seine Ansichten hinsichtlich des „Humanen“ weiter. Während die bisher beschriebenen Frauen Bölls Vorstellungen der Humanität durch die Kriterien der Liebe, Nachbar-schaft, Wohnen, Mahlzeiten und Religion entsprechen, schreibt er Leni ein Liebesideal, ein naives Politikverständnis, eine neue Art des Wider-stands und eine stärkere Sinnlichkeit zu. Ob sich dadurch auch das von Böll geschaffene Frauenbild signifikant weiterentwickelt, ist noch fraglich.

Zunächst lässt sich feststellen, dass die Beschreibung des Äußeren der Protagonistin keine Weiterentwicklung der Böllschen Frauenfigur mit sich bringt. Bereits auf der ersten Seite des Romans wird Leni folgen-dermaßen beschrieben:

Weibliche Trägerin der Handlung in der ersten Abteilung ist eine Frau von achtundvierzig Jahren, Deutsche; sie ist 1,71 groß, wiegt 68,8 kg (in Hauskleidung), liegt also nur etwa 300-400 Gramm un-ter dem Idealgewicht; sie hat zwischen Dunkelblau und Schwarz changierende Augen, leicht ergrautes, sehr dichtes blondes Haar, das lose herabhängt; glatt, helmartig umgibt es ihren Kopf. (GmD 7)

An dieser Beschreibung ihres Äußeren ist die typisch männliche Perspek-tive sehr vordergründig. Zum einen wird ihr „Idealgewicht“ (GmD 7) thematisiert, zum andern ist später die Rede von ihrer tollen Figur:

Leni ist eine der ganz seltenen Frauen ihres Alters, die es sich leis-ten können, einen Minirock zu tragen: ihre Beine und Schenkel zeigen weder Äderung noch Erschlaffung. (GmD 7)

Böll beschreibt womöglich unwillkürlich typische Männerphantasien, die von einer ewig schön und jugendlich bleibenden Frau handeln. Er misst dem Aussehen einer Frau hierdurch gewisse Wichtigkeit bei, wiewohl er möglicherweise etwas anderes erreichen will: „Ich halte das einfach für einen Irrsinn, die erotischen Qualitäten von Frauen altersmäßig zu begrenzen. Auch das wollte ich ausdrücken.“
So schreibt Böll auch, dass Leni schon als junge Frau häufig nur auf ihr Äußeres reduziert wird. So auch, als sie mit sechzehn Jahren bei ihrem Vater arbeitet, der sie, als er ihre Wirkung auf Männer bemerkt, „zu wichtigen geschäftlichen Besprechungen hinzuzog“ (GmD 25).

Böll entwickelt jedenfalls seine Idee des Humanen anhand der Liebesge-schichte zwischen Leni und dem Kriegsgefangenen Boris weiter. Hierin verwirklicht sich Bölls Liebesideal. Vor Boris gab es in Lenis Leben genau zwei andere Männer. Ihre erste Liebe ist ihr Vetter Erhard, der für sie jedoch wie ein Bruder ist (Vgl. GmD 73). Vergleichbar ist diese Form der Liebe mit der zwischen Andreas und Olina aus „Der Zug war pünktlich“.
Der zweite Mann in ihrem Leben, Alois Pfeiffer, heiratet sie, fällt jedoch bereits drei Tage nach der Hochzeit im Krieg. Diese beiden Liebesge-schichten erinnern stark an die Liebesgeschichten der frühen Werke Bölls. Die Beziehung zu Alois erinnert an die Beziehung zwischen Grete Gluck und ihrem Mann aus „Kreuz ohne Liebe“, der auch kurz nach der Hochzeit in den ersten Kriegstagen fällt. In beiden Fällen basiert die Ehe nicht auf großer Liebe.

Eine Liebesbeziehung wie die zu Boris hat Böll noch keine seiner Frauenfiguren erleben lassen. Im Rahmen dieser Liebesbeziehung werden wiederum die Naivität und die Menschlichkeit Lenis deutlich. Böll sagte in einem Interview über diese Liebe Folgendes:

Wie meistens, wollte ich im Grunde auch nur eine Liebesgeschich-te schreiben, und mir schien, dass es spannender, echter, exakter und auch der Wirklichkeit entsprechender sei, wenn man eine Lie-be zwischen Mann und Frau...in eine möglichst schwierige, heikle, politisch, sozial und äußerlich...schwierige Situation stellt. Deshalb habe ich einen sowjetischen Kriegsgefangenen ausgewählt, die zweitunterste Stufe Mensch nach der Naziideologie.

Bei der ersten Begegnung mit Boris beweist Leni Mut, indem sie ihm „wie selbstverständlich eine Tasse Kaffee reicht und ihn damit zum Menschen erklärt“ , ohne zu ahnen, wie politisch brisant dieses Verhalten ist.
Erneut stellt sie ihren Mut unter Beweis, als sie ihm am nächsten Tag beim Servieren des Kaffees die Hand auflegt. Seitdem ist ihre Liebe zueinander entfacht. Sie haben „sofort in Flammen gestanden“ (GmD 179). Wie auch schon in ihren vorherigen Liebesbeziehungen bewirkt der Mann, in diesem Fall Boris, eine positive Veränderung in Lenis Leben. Die sonst schweigsame und zurückgezogene Leni wird „vorübergehend frech und selbstbewusst und sah phantastisch aus, weil sie geliebt wurde“ (GmD 206). Dies ist ein Hinweis darauf, dass ihr Selbstwertgefühl mit dem Einfluss des jeweiligen Partners steht und fällt.
Als Leni ein Kind von Boris bekommt, sind sie wie die „Heilige Familie“ (GmD 241). In ihrer Mutterrolle entspricht die Figur der Leni dem stereotypen Bild der positiven Frauenfigur Bölls. So kümmert auch sie sich liebevoll, fürsorglich und pflichtbewusst um das Wohl der Familie. (Vgl. GmD 241ff.)
Dergestalt schafft Böll zwar eine idealisierte Liebesgeschichte und die Darstellung einer mitfühlenden, humanen Protagonistin. Zugleich kreiert er aber wieder das Idealbild einer liebenden Frau und Mutter, die ohne Mann nicht glücklich sein kann. Insofern gleitet seine weibliche Hauptfi-gur ins Klischeehafte und Traditionelle hinein.

Lenis Verhalten gegenüber Boris unterstreicht im Übrigen ihre politische Naivität. Während sie wie selbstverständlich ihrem russischen Kollegen die Hand auflegt, ist sie nicht dessen bewusst, dass dies für sie zu ernsthaften Konsequenzen führen kann. Das liegt daran, dass sie sich nie mit dem Nationalsozialismus auseinan-der gesetzt hat. Ihre Abneigung ihm gegenüber resultierte nunmehr daraus, dass „ihr die braunen Uniformen keineswegs gefielen – beson-ders die SA war ihr zuwider (Vgl. GmD 48). Geradezu erschreckend erscheint ihre politische Unwissenheit, wenn beschrieben wird, dass sie bis zuletzt nicht weiß, „was überhaupt ein Jude oder eine Jüdin ist“ (GmD 94).
Aber eben gerade hierin zeigt sich Lenis Unschuld; sie kann die rassisti-sche Ideologie ihrer Zeit einfach nicht begreifen.

Auch nach dem Krieg bleibt sie politisch unbedarft. Nach Boris Tod, wird Leni politisch aktiv. Sie wird Mitglied der KPD, die sie für ihre politischen Zwecke vereinnahmt.

Nun, sie war attraktiv, ein bildhübsches Luder, und das machte sich gut auf unseren kümmerlichen Veranstaltungen, wo wir doch gegen den Wahnsinn anzukämpfen hatten. (GmD 295)

Leni zufolge wirkt sie jedoch nur aus einem einzigen Grund in der KPD mit: „weil die Sowjetunion solche Menschen wie Boris hervorgebracht hat“ (GmD 296). Mit Leni hat Böll erneut sein „Humanitätsideal“ an einer Frau festgemacht, die bis zur völligen Ignoranz unpolitisch ist. Absurderweise löst sie durch ihr Verhalten politische Reaktionen aus. Ein Beispiel hierfür ist das Verhalten ihres Chefs, als er erfährt, dass Leni und Boris ein Paar sind. Eigentlich als Nazi-Sympathisant bekannt, ändert er seine Einstellung und hilft dem Liebespaar. (Vgl. GmD 194f.)
Problematisch ist hieran, dass Böll dazu beiträgt, das Klischee zu verstärken, dass Frauen unpolitische Wesen sind. Wenngleich es Frauen geben mag, die so sind, idealisiert Böll die eine, die diese Wesenszüge trägt.

Darüber hinaus zeigt Böll die Verurteilung einer „unschuldigen“ Frau durch ihre Umwelt auf. Zu diesem Zweck schreibt er Leni einen Le-benswandel zu, den ihre Umwelt als provozierend empfindet. Böll äußert sich zu diesem Thema wie folgt:

Und was mich auch daran gereizt hat, die Vorstellung der Umwelt von der Verwerflichkeit des Lebenswandels einer Frau, das wollte ich auch ironisieren, denn im Grunde hat diese Frau, soweit ich mich erinnere, nur einen Mann und einen Liebhaber gehabt bisher, aber sie erscheint der Umwelt als eine äußerst verworfene Frau. Sie wird sogar der Prostitution verdächtigt.

Schon Lenis Vergangenheit empfindet ihre Umwelt als verwerflich. Insbesondere Lenis leichtfertiger Umgang mit der Ehe, die sie mit Alois eingeht, erregt Anstoß. Zwar heiratet sie ihn pflichtgemäß, aber sie weigert sich sowohl in weiß zu heiraten (Vgl. GmD 117), als auch nach seinem Tod „Trauer zu tragen und Trauer zu zeigen“ (GmD 117). Auch die Beziehung zu Boris stößt auf Kritik. Auf Grund dessen muss Leni schwerste Beschimpfungen ertragen.

[...] Neuerdings, wenn sie notgedrungen zu den notwendigen Einkäufen ihre Wohnung verlässt, wird oft über sie gelacht, Ausdrü-cke wie „mieses Stück“ oder „ausgediente Matratze“ gehören noch zu den harmloseren. Es tauchen sogar Beschimpfungen auf, deren Anlass fast dreißig Jahre zurückliegt: Kommunistenhure, Russen-liebchen. (GmD 9)

Indem Böll gerade die „unschuldige“ Leni, die nachgewiesenermaßen monogam lebt, von den sogenannten „Normalbürgern“ als Prostituierte titulieren lässt, zeigt er die Verlogenheit der Gesellschaftsmoral.

Dabei kann hier nach ausführlichen und ausgiebigen Zeugenaussa-gen festgestellt werden, dass Leni in ihrem bisherigen Leben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im ganzen wahr-scheinlich zwei dutzendmal einem Mann beigewohnt hat: zweimal dem ihr später angetrauten Alois Pfeiffer [...] und die restlichen Male einem zweiten Mann, den sie sogar geheiratet hätte, wenn die Zeitumstände es erlaubt hätten. (GmD 9)

An dieser Verlogenheit ändert sich auch bis ins Jahr 1970 nichts. Leni gilt weiterhin als „Abfällige“ . Sie hat ihre Arbeit aufgegeben, um die Kinder ihrer portugiesischen Nachbarn zu betreuen, lebt mit einem türkischen Gastarbeiter zusammen, von dem sie ein Kind erwartet, und ist finanziell in großer Not. All das macht sie verstärkt zur „Außenseite-rin“ .
Die Abneigung ihrer Umwelt wird außerdem noch dadurch intensi-viert, dass Leni mit jeglichen Verhaltensnormen der kapitalistischen Gesellschaft bricht. Dies zeigt sich, indem Leni „jegliche Erscheinungs-form des Profitdenkens nicht etwa ablehne, [...], sondern einfach verweigere“ (GmD 325f.). So lehnt sie eine Beförderung zur Direktorin ab (Vgl. GmD 127) und weigert sich am Konsumzwang teilzunehmen.

Was ihre Mäntel und Schuhe betrifft, so lebt sie immer noch von den sehr gut erhaltenen Beständen, die sie in ihrer Jugend [...] er-werben konnte. [...] Ihre Schuhe sind solche, wie man sie – in den Jahren 1935-1939 als „Unverwüstliche“ kaufen konnte. (GmD 7f.)

Man kann in dieser Darstellung der „abfälligen“ Leni folgenden Zweck erfüllt sehen:

Es wird so am Schicksal dieser Frau, die „von der Umwelt zur Vergasung freigegeben ist“, das Weiterleben von Teilen der Ideo-logie der offen terroristischen Kapitalherrschaft deutlich und auch die Latenz einer physischen Gefährdung. Die Drohungen richten sich gegen Leni, die den Inbegriff einer humanistischen Gegenkraft darstellt.(1)

Böll ironisiert mit Leni nicht nur die gesellschaftliche Verurteilung einer Frau, überdies schafft er eine Person, die sich der Gesellschaft nicht anpasst, sondern innerlich stark und unabhängig bleibt und so ein Gegenmodell zur ihr bildet.

Böll macht die Humanität seiner Protagonistin außerdem an ihrer Sinnlichkeit und Sensibilität fest, die sie in allen Lebensbereichen aufweist.

Das ist der Versuch, das Wort Sinnlichkeit und alles, was so drum herum gedacht und assoziiert wird, an dieser Person neu zu expli-zieren. Ich glaube, dass die Sinnlichkeit dieser Frau verbunden ist mit einer bestimmten Form von Sensibilität, also auch der physi-schen Sensibilität, der sozialen Sensibilität, der erotischen Sensibi-lität, und ihre Sinnlichkeitsvita wird deshalb sehr kompliziert, so-wohl was vordergründige Sinnlichkeit, Essen, Trinken, Kleider be-trifft, wie auch das, was erotische Erlebnisse betrifft, und mich hat das einfach gereizt, es an einer solchen Figur neu auszudrücken.(2)

Ihre Sinnlichkeit wird unter anderem in ihrem Verständnis für Bildung deutlich. Leni, die zwar lernen möchte, sogar „bildungshungrig oder –durstig“ (GmD 26) ist, kann den Lernstoff nicht verstehen. Denn dieser „entbehrte jener sinnlichen Dimension, ohne die Leni nichts zu begreifen imstande war“ (GmD 26). Insofern kann man ihr keinen Vorwurf machen, wenn sie Fächer wie Mathematik verweigert, denen ein sinnlicher Bezug völlig fehlt.
Anders ergeht es ihr mit den musischen Fächern wie Kunst und Musik. Hier verfolgt sie eine sehr ungewöhnliche Lernweise.

Sie lernt Musik, aber nicht durch Noten, sondern durch Mitsingen und Hören. Sie lernt zeichnen, weil sie eine Beziehung zum Ge-genstand gewinnt. (3)

Aber auch alle anderen Lebensbereiche sind von Lenis Sinnlichkeit beeinflusst. So ist schon die Sinnlichkeit ihres späteren Liebeslebens in ihrem ersten sexuellen Erlebnis angedeutet, welches sie als ihre „Seinser-füllung“ beschreibt.

[...] Sechzehnjährig, soeben aus dem Internat entlassen, mit dem Fahrrad an einem Juniabend unterwegs, auf dem Rücken im Hei-dekraut liegend, „ausgestreckt und ganz hingegeben“ (Leni zu Margret), mit dem Blick zum eben erglühenden Sternenhimmel, in den noch Abendrot hineinleuchtete, jenen Punkt von Glückselig-keit erreichte, der heute viel zu oft angestrebt wird; [...] hatte sie ganz und gar den Eindruck „genommen“ zu werden und auch „ge-geben“ zu haben [...] Sie wäre nicht im geringsten erstaunt gewe-sen, wenn sie schwanger geworden wäre. (GmD 28)

An diesem Erlebnis wird zum einen Lenis Vorstellung eines perfekten Liebeserlebnisses deutlich. Böll zeigt erneut ihre Reinheit und Unschuld, indem er sie an die „unbefleckte Empfängnis“ glauben lässt, die ein Hinweis auf die Verbindung zwischen Leni und Der „Maria-Figur“ darstellt.

Wie schon in den vorher bearbeiteten Werken Bölls ist auch in „Grup-penbild mit Dame“ die „Ästhetik des Humanen“, bestehend aus Liebe, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft an einer positiven Frauenfigur festgemacht. Leni ist jedoch im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen die menschlichste aller Figuren. Sie tut, was sie für richtig hält. Leni ist von Natur aus naiv und rein, gutherzig und hilfsbereit. Sie fürchtet keine Bedrohung, keine Schwierigkeiten und will sich auch nicht vor irgendei-ner Macht beugen. Böll ist es jedenfalls gelungen, an Leni seine Vorstel-lung der „Humanität“, wie in den Frankfurter Vorlesungen beschrieben, weiterzuentwickeln. Dabei bedient er sich indes immer noch einer traditionellen und klischeehaften Beschreibung von Weiblichkeit, wodurch sich, im Gegensatz zur „Ästhetik des Humanen“, die Böllsche Frauenfigur nicht weiterentwickelt hat.
__________
(1) Bernhard, H. J.: Es gibt sie nicht, und es gibt sie, in: Die subversive Madonna, S.72
(2) Vgl. Böll, H.; Wellershoff, Dieter: Gruppenbild mit Dame. Ein Tonband-Interview, S.143
(3) Vgl. Böll, H.; Wellershoff, Dieter: Gruppenbild mit Dame. Ein Tonband-Interview, S.144