Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
Start | Biographie | Impressum | Verweise
> Ausgrenzung der Frauen
> Frau - natürliches Geschlecht
> Frauenbilder in Männer-Literatur
> Über die Ästhetik des Humanen
> Trinität des Weiblichen
> Die Befreiung der Frau
> Frauen in der Kriegszeit
>> Kreuz ohne Liebe
>>> Cornelia Gluck
>>> Johanna Bachem
>>> Grete Bachem
>>> Mutter Gluck
>> Der Zug war pünktlich
>> Wo warst Du, Adam?
> Frauen in der Nachkriegszeit
>> Und sagte kein einziges Wort
>>> Käthe Bogner
>>> Mädchen aus der Imbissbude
>>> Frau Franke
>> Haus ohne Hüter
>>> Nella Bach
>>> Wilma Brielach
>>> Die Großmütter
>> Das Brot der frühen Jahre
>>> Hedwig Muller
>>> Ulla Wickweber
>> Billard um halb zehn
>> Ansichten eines Clowns
>>> Marie Derkum
>>> Monika Silvs
>>> Mutter Schnier
>> Gruppenbild mit Dame

Frau und Mann – Die Lesart ist verschieden


Wie Ruth Klüger in ihrem Buch „Frauen lesen anders“ erklärt, führt die unterschiedliche Art zu lesen der beiden Geschlechter, zu einem voneinander abweichenden Verständnis von Texten und Geschichten.
Auf die Frage, welche Liebesgeschichten in der Literatur die Schönsten seien, gäben zahlreiche Männer Werke wie „Woyzek“, „Othello“ oder „Kabale und Liebe“ an. Frauen wiederum würden diese Werke nicht zur ersten Wahl zählen, da in jedem die weibliche Hauptfigur auf brutale Weise von ihrem Geliebten getötet wird. Würden Frauen auf diese Frage hin Kleists „Phentesilea“ oder Hebbels „Judith“ angeben, Werke also, in denen die Frau ihren Geliebten auf brutale Weise tötet, verstünde ein Mann diese Wahl sicherlich nicht.

Im Folgenden soll hinterfragt werden, ob es auch verschiedene Lesarten der Geschlechter hinsichtlich Bölls „Frauendarstellung“ gibt? Eine Antwort hierauf versuchen Karin Huffzky, Evelyn T. Beck und Dorothee Römhild sowie Paul Konrad Kurz und Geno Hartlaub zu geben.

Karin Huffzky zum Beispiel kritisiert Bölls Darstellung der Frau sehr stark. Sie bezeichnet ihn sogar als Frauenfeind,

wo der Ehemann nicht auszumachen ist, wo Gottvater nicht Mauern um die Frau herum gezogen hat: Klostermauern, wo in einer von Männern bestimmten Umwelt, die ihm selbst Angst macht, eine Frau auftritt.(1)

Sie wirft Böll zudem vor, nicht eine seiner Frauenfiguren selbstbewusst und selbstständig dargestellt zu haben, was insbesondere an ihrer Sexualität sowie an ihren Berufen deutlich werde. Sie bringt dies folgendermaßen auf den Punkt:

Frauen, denen die Lust an der Unterwerfung noch nicht vergangen ist, finden in Bölls Romanen ausreichend Anleitungen zum selbstlosen Handeln.(2)

Auch Evelyn T. Beck findet an Bölls Frauendarstellungen wenig Lobenswertes. Sie glaubt zwar an Bölls Absicht, das Bild einer „besseren Welt“ in seinen Werken schaffen zu wollen, „aber auch die wäre immer noch eine auf den Mann als Mittelpunkt bezogene Welt“
Böll thematisiere in keiner Weise das Unrecht, welches Frauen auf Grund der unterschiedlichen Machtverteilung zwischen den Geschlechtern angetan wird.

Im Gegenteil, Böll idealisiert die untergeordnete Rolle, die der Frau zudiktiert worden ist: Die Männer haben Anteil an der Macht im öffentlichen Leben; die Frauen spenden Trost, sind gütig und großherzig (wenn die Männer es ihnen gestatten). Böll scheint die Abhängigkeit, die die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau für die Frau bedeutet, völlig außer Acht zu lassen.(3)

Dorothee Römhild kommt zu dem Ergebnis,

dass sein Frauenbild von einer konservativen Kultur geprägt zu sein scheint, die die Frau noch nicht als sich selbst reproduzieren-des Wesen in der Bewertung als gleichberechtigt zugelassen hat.(4)

Damit schließt sich Römhild weitgehend der Meinung Huffzkys an.
Im Übrigen kritisiert sie am Böllschen Frauenbild Folgendes:

Frau als Hüterin der Erinnerung, die Frau als Helfende, Stützende und Bewahrende, die Frau als letzter „Hort“ von Menschlichkeit – damit konstruiert Böll ein Bild, das gerade in gesellschaftskritischer Literatur so nicht haltbar ist.(5)

Die drei Kritikerinnen stimmen also darin überein, dass Bölls Frauenbild ein traditionelles, untergeordnetes Bild der Frau wiedergibt. Die Frau ist hiernach weder selbstbewusst noch selbstständig. Sie wird überwiegend auf ihre Menschlichkeit reduziert. Dadurch widerspricht das Böllsche Bild der Frau in weiten Teilen der Realität der Frauen der damaligen Zeit. Vielmehr gibt Böll Wunschvorstellungen wieder.

Die männlichen Kritiker hingegen betrachten das „Frauenbild“ Bölls, sofern sie sich hiermit auseinandergesetzt haben, nicht als kritikwürdig. Im Gegenteil ist Paul Konrad Kurz der Ansicht, „kein gegenwärtiger deutscher Erzähler hat wie Böll die Frauen gelobt“ .
Er charakterisiert Bölls Frauenfigur Leni aus „Gruppenbild mit Dame“ sogar als „eine äußerst konservative, schweigsame und emanzipierte Dame“ .
Und auch Geno Hartlaub, schließt sich dieser Auffassung von P.-K. Kurz an. So steht in seiner Rezension zu „Gruppenbild mit Dame“: „Böll huldigt in seinem Roman dem weiblichen Genius in allen seinen Formen“ .
Desweiteren sind Kritiken von Männern zum „Frauenbild in Bölls Werken“ eher rar. Männlichen Rezipienten interessieren sich weniger für das Thema „Frauenbilder“ wie die weiblichen Leserinnen. Zumeist beschreiben die Autoren zwar, welche Rolle die Frau bei Böll einnimmt, jedoch hinterfragen sie diese Rolle nicht kritisch. Dies liegt wohl auch an dem natürlichen Mangel an Identifikation mit den Frauenfiguren. Daher verwundert auch die Reaktion der männlichen Leser nicht, als Böll sich dazu entscheidet, einer weiblichen Hauptfigur in seinem Roman „Gruppenbild mit Dame“ Vorrang zu geben. „Die Parteinahme haben viele männliche Kritiker mit Ironie quittiert.“
__________
(1) Huffzky, Karin: Die Hüter und ihr Schrecken von der Sache, S.51
(2) Huffzky, Karin: Die Hüter und ihr Schrecken von der Sache, S.118
(3) Huffzky, Karin: Die Hüter und ihr Schrecken von der Sache, S.103
(4) Römhild, Dorothee: Die Ehre der Frau, S.203
(4) Römhild, Dorothee: Die Ehre der Frau, S.214