Das Bild der Frau in ausgewählten Romanen von Heinrich Böll
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Auszug aus Märchen: Die Abenteuer des Maurers

Es lebte einmal in Granada ein armer Maurermeister, der alle kirchlichen und staatlichen Feste feierte, sich an Sonntagen, wie vorgeschrieben, jeder körperlichen Arbeit enthielt, ja sogar noch den heiligen Montag in Ruhe und beschaulicher Einkehr verbrachte. Trotz dieser seiner großen Frömmigkeit wurde er aber immer ärmer, und schon konnte er für seine vielköpfige Familie kaum mehr das tägliche Brot beschaffen. Eines Nachts nun weckte ihn der laute und energische Schlag des Türhammers aus dem ersten Schlaf. Eiligst lief er zur Haustür, öffnete und sah einen langen, mageren, fast skelettartig wirkenden Geistlichen vor sich.

»Hört, guter Freund«, sagte der unbekannte Priester leise zu dem erschrockenen Mann, »wie man mir sagt und wie ich selbst beobachtet habe, seid Ihr ein guter Christ, dem man trauen kann. Wollt Ihr für mich heute in der Nacht noch eine gut bezahlte, kleine Arbeit ausführen?«

»Aber freilich, sehr gern, hochwürdigster Pater; immer vorausgesetzt, daß der Lohn der Anstrengung entspricht.«

»Macht Euch darüber keine Gedanken. Mit Eurem Lohn werdet Ihr bestimmt zufrieden sein, allerdings bestehe ich darauf, daß Ihr mit verbundenen Augen zur Arbeitsstätte geht und so auch wieder in Euer Haus zurückkehrt; ich selbst werde Euch führen.«

Dem Maurer kam die Geschichte zwar etwas seltsam vor, doch Talar und Geldangebot zerstreuten alle seine Bedenken, und ohne weiter zu fragen, gab er seine Zustimmung.

Der Geistliche zog ihm also eine dunkle Kapuze über den Kopf und führte ihn dann kreuz und quer über holprige Gäßchen, krumme Wege und ausgetretene Stiegen längere Zeit in der Stadt herum, bis sie vor einem Haus haltmachten.

Der Priester holte einen Schlüssel hervor, öffnete dann, wie es dem Maurer schien, einen schweren Torflügel. Sie traten ein, laut fiel das Portal zu und wurde von innen wieder verriegelt. Sie gingen nun durch einen langen, laut hallenden Korridor, durch Säle und enge Gemächer und blieben schließlich irgendwo stehen. Nun wurde dem Maurer auch die Kapuze vom Kopf genommen. Er befand sich in einem patio, dem Innenhof eines Gebäudes, der vom Schein einer einzigen schwachen Ölfunzel nur spärlich beleuchtet war. In der Mitte stand grau das trockene Becken eines alten maurischen Springbrunnens, unter welches der Handwerker von dem geistlichen Herrn aufgefordert wurde, ein kleines Gewölbe zu mauern. Steine, Mörtel und Handwerkzeuge standen bereit. Er konnte also sofort mit der Arbeit beginnen.

Der Maurer schaffte die ganze Nacht, doch trotz seines Eifers konnte er das Werk nicht vollenden. Unmittelbar vor Tagesanbruch gab ihm der Priester ein schweres Goldstück, zog ihm wieder die Kapuze über und führte ihn zu seiner Wohnung zurück.

»Seid Ihr bereit wiederzukommen, um die Arbeit fertigzustellen?«

»Gern, senor padre vorausgesetzt, daß ich wieder ebensogut bezahlt werde! «

»Gut, um Mitternacht werde ich Euch wieder abholen.«

Diesmal arbeitete der Handwerker, bis das Gewölbe kunstvoll vollendet war.

»Helft mir nun«, sagte der Priester zum Maurer, »die Leichen heranholen, die in diesem Gewölbe begraben werden sollen.«

Dem Maurer sträubten sich die Haare; schwankenden Schrittes folgte er seinem geheimnisvollen Führer in ein entlegenes Zimmer des Hauses und erwartete, zerstückelte menschliche Körper zu finden, die er nun einmauern sollte, um so vielleicht jede Spur eines Verbrechens oder Familiendramas aus der Welt zu schaffen. Erleichtert atmete er daher auf, als der padre in eine Ecke deutete, wo drei, vier große Krüge standen, die, wie er sich kurz darauf überzeugen konnte, sehr schwer waren.

Nur mit Mühe schleppten beide Männer die Amphoren bis zu ihrem unterirdischen Bestimmungsort. Der Priester schob hier den geheimnisvollen Schatz in das Gewölbe, das der Maurer gleich darauf verschließen mußte. Sein Auftraggeber befahl ihm, es mit Fliesen abzudecken und jedes Zeichen der vorgenommenen Arbeit zu verwischen...